Würden Sie Super Mittwoch lesen?!
{2}Es gibt diejenigen, die es tun. Super Mittwoch und Super Sonntag ist eine kostenlose Wochenschrift aus Aachen, die sich rein durch Werbemittel finanziert. Einige meiner Kommilitonen aus Aachen haben für dieses Blatt schon Beiträge geschrieben und dafür weniger als ein Taschengeld erhalten. Hinterher konnte man veröffentlichte Artikel in diesem Printramsch allerdings als Vorzeigeobjekte für Bewerbungen bei der hiesigen Lokalpresse oder anderswo benutzen.
In der Ausgabe 46/2008 vom 13. November – ja offenbar erscheinen die Zeitungen immer schon vordatiert in den Haushalten – findet sich auf Seite 1 ein kurzer, zweispaltiger Artikel über die Nazi-Demonstration, die in Aachen stattgefunden hat. Unterschrift “(olga)”. Wofür das Akronym steht, wenn es überhaupt eines ist, kann ich nicht sagen. Es wird vermutlich nicht nur den Vornamen des Autors oder der Autorin abbilden.
Der Artikel jedenfalls, er ist so ganz und gar kein Vorzeigeobjekt. Er ist allerdings ein Versuchskaninchen, das man extra für die Leser aus dem Hut gezaubert hat – so scheint es. Während die Schlagzeile noch in Ordnung ist, folgt stehenden Fußes eine zweite Überschrift, die unvollständig wirkt:
Neonazi-Demo: Polizei hört Bänder ab
Auf der Suche nach <–
Auf der Suche wonach? Diese Frage wird der Leser sich bestimmt stellen. Eine Antwort auf die Frage erhält er jedoch den journalistischen Gepflogenheiten zum Trotz nicht unmittelbar. Der Aufhänger in fetten Lettern gedruckt, beantwortet diese Frage nicht, bzw. nur schemenhaft, zudem ist er sehr umgangssprachlich formuliert und lässt den Versuch der Objektivität ein wenig vermissen.
Aachen. Sie grinsen in die Kamera, einige winken sogar. "Hey - von mir hast Du inzwischen bestimmt schon mehr Fotos als von Deiner Frau." Sie fühlen sich offenbar wohl in ihrer braunen Haut. Der Neo- nazi-Aufmarsch vom Samstag beschäftigt die Polizei immer noch.
Merkwürdig auch, dass “Neo-” umgebrochen wird, andere Wörter hingegen nicht. Im Druckbild hat das zur Folge, dass in der drittletzten Zeile unheimlich sehr sehr viele Leerzeichen zu sehen sind.
Immer wieder ist die Rede von einer Demo. “Das Verwaltungsgericht hob das Demo-Verbot [...] auf”, heißt es zum Beispiel. Der Artikel scheint an eine jüngere Zielgruppe gerichtet, ansonsten hätte man durchaus von einem Demonstrations-Verbot schreiben können. Es taucht vorhher und nachher noch das Wort “Demo” im Artikel auf. Musste der Autor/die Autorin Zeichen sparen?
Die Polizei hat am Ende des Einsatzes ein zufriedenes Fazit gezogen: Polizeitaktik voll aufgegangen!
Schreibt man das nun so? Umgangssprache lässt grüßen. Zumindest war die erwähnte Stelle nicht als direkter Wortlaut gekennzeichnet. Natürlich sollen Artikel auch nicht staubtrocken sein. Doch in erster Linie ist so ein Blatt wie die Super Mittwoch als erster Schritt auf dem Weg zur Journaille anzusehen. Das setzt allerdings voraus, dass man in Redaktionssitzungen das Handwerkszeug bespricht. Und dann hat man auch noch “die Nazis in Zaum gehalten”.
Als ich den Wortlaut las, runzelte ich die Stirn und schaute nach. Siehe da, mein Bauchgefühl hat mich nicht enttäuscht. Man schreibt jemanden “im” Zaum halten. An dieser Stelle folgt im Artikel ein Bandwurmsatz, der über zwei Spalten verteilt ist. Ein Teil davon ist in Klammern gesetzt, macht es nicht weniger übersichtlich. Diesem Satz allerdings – man sieht ihm an, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt. Er beginnt in einer Form und endet in einer anderen:
Die große Gegendemo geschützt, [...] den Bahnverkehr nicht in Mitleidenschaft gezogen und bei allen angemeldeten Demonstrationen nichts erwähnenswertes passiert.
Davon abgesehen, dass man über die Großschreibung von “erwähnenswertes” hätte nachdenken können, kommt noch etwas anderes zum Tragen. Es fehlt so gesehen das Prädikat im Sinne der Schulbildung und nicht im Sinne der Linguistik. Bzw. dieses ist unvollständig. Klar könnte man der literarischen Freiheit wegen auch sagen, man verwendete eine Ellipse und ließ “ist” einfach fort. So funktioniert allerdings die Übung dann nicht und es wird folgerichtig keine Kür geben können.
Versteht mich nicht falsch. Prinzipiell kann man so schreiben, dann sollte man es aber in einem Blog tun, und nicht in einem Printerzeugnis, das sich journalistischen Gepflogenheiten unterwirft.
Insbesondere geht es um die Reden und ob da vielleicht volksverhetztendes gesagt wurde.
Und ob da vielleicht jemand wieder zu umgangssprachlich gewesen ist? Und ob da vielleicht erneut jemand die Groß- und Kleinschreibung im Hinterstübchen vergessen hat?!
Auf jeden Fall wird die Polizei hören, wie einer der Redner sagt “Gott vergibt – wir nie” – in Anspielung auf das Tötungsdelikt in Stolberg im Frühjahr dieses Jahres, dass in Neonazikreisen zu Propaganda missbraucht wird, obwohl, wie das Aachener Landgericht inzwischen festgestellt hat, dass der Tat persönliche und keine politischen Motive zu Grunde liegen.
Das letzte “dass” hätte sich der Redakteur schenken können. Ich habe im obigen Zitat diejenigen Stellen markiert, die mehr oder weniger in Zweifel gezogen werden können, bzw. von denen manche schlichtweg falsch sind. Von dem Mammutsatz ganz abgesehen, über Umgangssprache brauchen wir kein Wort mehr verlieren.
Quasi im gleichen Zusammenhang verkündete Versammlungsleiter Worsch, dass man zu gegebener Zeit wieder nach Aachen kommen werde.
Also, so quasi denke ich, dass ich mit der Formulierung nichts anfangen kann. Da wollte jemand schöne Worte verwenden und war sich aber über die Verwendung derselben nicht im Klaren. Ich hoffe, dass dieser jemand sich mit so einem Text nirgendwo vorstellen wird. Damit fällt er nämlich gnadenlos auf die Schnauze – salopp formuliert. Aber warum muss man sowas den Aachenern anbieten? Können nicht Käseblätter auch auf Qualität achten?!
Ich habe den Artikeltext im Übrigen an die Redaktion weitergeleitet, “quasi” als offenen Brief.
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Tags Aachen, Demo, Journalismus, Nazi, Redaktion, Super Mittwoch
Kategorie Glocal, Media · Autor Alexander Trust · 2 Kommentare

January 15, 2009 · 3:58 pm
Aachen, 15. Januar 2009
mein Kommentar geht in eine andere Richtung nämlich die der Meinungsmache von Frau Olga.
Außerdem habe ich fast meine Orientierung verloren! Bin ich nun noch Aachenerin oder nicht? Auch wenn ich aus Hamburg stamme, also ein Nordlicht bin, dachte ich, ich gehöre dazu.
Nein nein, nicht was Sie denken, ich gehöre nicht zu den Sympathisanten der Neonazis, aber ich mag eigentlich auch nicht zu den “Öchern” gehören, die sich ähnlicher Mittel bedienen wie die rechte Szene:
die Ausgrenzung (nicht dazugehören), die Verunglimpfung mit Schimpfwörtern (braunes Gesocks) ect..
Daß sich EX-OB Linden, stets auf fein gemacht,sich ähnlicher Mittel bedient, paßt nicht!
Daß man diese rechte Szene nicht ändern kann, muß man wohl oder übel hinnehmen. Verbiete ihnen das Reden, aber in deren Köpfen schwärt es doch trotzdem weiter. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, den wir eigentlich nicht haben wollen, verachten, der sogenannte Trub oder Bodensatz, aber es sind sogar Aachener, ob es uns paßt oder nicht.
Aber ignorieren, nicht hingehen zu den Demonstrationen,nicht hinhören was die NeoNazis zu kamellen haben, wäre meiner Meinung nach wesentlich besser als
ebenfalls mit Kot werfen!
PS
Ich hoffe, ich habe nicht am Thema vorbeigefaselt; und wenn: das mußte mal gesagt werden!
January 15, 2009 · 5:05 pm
Ich habe übrigens von der Redaktion der Zeitung keine Reaktion auf mein Schreiben erhalten.