13. November 2008

Ehemalige Lehrerin aus Delmenhorst als reitender Engel für behinderte Kinder

von Heinz-Peter Tjaden

Wenn sie einen Ort nicht mit dem Auto erreichen kann, schwingt sie sich aufs Pferd und reitet auf den sandigen Straßen von Nicaragua zu ihren kleinen Schützlingen: Katharina Pförtner arbeitet als Beraterin für ein Projekt, das 1998 von der Niederländerin Astrid Dellemann ins Leben gerufen worden ist. Das Ziel lautet: Frühförderung von behinderten Kindern. Die Sonderschullehrerin, geboren im Harz, ist 53 Jahre alt, die Organisation, zu der sie gehört, ist 47 Jahre älter und heißt Christoffel Blinden Mission (CBM) mit Sitz im hessischen Bensheim. CBM kümmert sich in 100 Ländern um Behinderte, es gibt 1000 Projekte, mit denen das Lebenswerk von Pastor Ernst Christoffel fortgesetzt wird, der aus dem Rheinland stammt und am 23. April 1951 in der iranischen Provinzhauptstadt Isfahan seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Auch Katharina Pförtner zog es schon früh hinaus in die Welt, eigentlich wollte sie im Ausland studieren, doch in Marburg blieb sie erst einmal hängen, wechselte nach dem Studium in den Staatsdienst und wurde Sonderschullehrerin in Delmenhorst. Die Arbeit machte ihr Spaß, das Fernweh jedoch blieb und ließ sich auch bei ihren Reisen in die Karibik nicht auf Dauer stillen. Auf Kreta lernte sie 1988 ihren späteren Mann Gale kennen, der 1983 und 1984 in Nicaragua Brigadist war und sein Land vor einem Angriff der USA schützen wollte.

Mit dieser Begegnung waren die Weichen für Katharina Pförtner gestellt. Ihre Eltern, die immer noch in Seesen wohnen, ließen sie 1992 nur schweren Herzens gehen. Zehn Jahre lang arbeitete das Ehepaar für verschiedene Projekte, 1999 adoptierten sie die beiden Mädchen Cassandra und Massiel. Daran erinnert sich Katharina Pförtner mit einem Schmunzeln: “Unsere Kinder sagen, sie hätten eigentlich uns adoptiert.” Dann wird sie wieder ernst: “Wir fanden die Kinder buchstäblich auf der Straße. Ihre Großmutter war im Krankenhaus, die Eltern verstorben. Wir konnten sie dort nicht lassen. Also haben wir sie mitgenommen.”

Über 50 Prozent der Bevölkerung von Nicaragua sind unter 16 Jahre alt, Familien mit mehr als sieben Kindern sind keine Seltenheit und gelten als Lebensversicherung, ein Irrtum, der dazu führt, dass Straßenkinder zum  Alltagsbild gehören. Armut führt zu mangelhafter Ernährung, die Gefahr steigt, dass Kinder behindert zur Welt kommen. Dennoch sieht Katharina Pförtner einen Silberstreif am Horizont:  “Hier gibt es eine Pionierstimmung, alles scheint möglich zu sein.”

Davon getragen wird auch das Projekt, für das Katharina Pförtner heute  Maria Nazareth besucht. Die Kleine ist zweieinhalb Jahre alt. “Die Mutter wollte das Kind nicht behalten, weil es so schwer krank war”, erzählt die 53-Jährige auf dem Weg dorthin. Die Familie wohnt  in einer Bretterhütte mit zwei Räumen, auf dem Hof gibt es eine Kochstelle.

Die Geburt von Maria Nazareth haben  die 31-jährige Mutter und der 32-jährige Vater  eine Woche lang verschwiegen, so groß war die Scham, doch die Tante des Mädchens machte Schluss damit und schaltete das Projektteam von Katharina Pförtner ein. Seither hat sich die Kleine prächtig entwickelt. Mit 18 Monaten konnte Maria Nazareth laufen. Die Förderung  richtet sich nach einem Wochenplan, der Arbeitgeber der Mutter  zeigt Verständnis und gibt ihr täglich eine Stunde früher frei.

Die Zweieinhalbjährige spielt sich ins Leben, gibt Dingen  einen Namen, formt Papier zu Kugeln und  malt mit großer Begeisterung, denn eins weiß die Kleine bereits ganz genau:  Ist die Familienhelferin mit ihr zufrieden, bekommt sie eine Belohnung.

Für Katharina Pförtner gibt es ebenfalls eine Belohnung, sie sieht so aus: 2006 sind  unter dem Dach von Christoffel Blinden Mission (CBM) 154 Kinder betreut worden, heute sind es 542,   im nächsten Jahr sollen es 1000 sein. Nicht nur die behinderten  Kinder, auch Land und Leute sind ihr ans Herz gewachsen: “Die Menschen hier sind meistens unbeschwert und können immer lachen. Sie sind unglaublich kreativ und spontan.” Das Wichtigste aber sei: “Sie sind keine Kuscher.”

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Kategorie Glocal, Media · Autor Heinz-Peter Tjaden · Keine Kommentare


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