Komplexität im akademischen Feld führt offenbar zu paradoxen Situationen in der Lehre
{4}Ich lerne an einer (technischen) Hochschule. Als solche ist diese Institution Teil des akademischen Feldes. Nehmen wir einmal folgendes Beispiel zur Hand, das sich gleichwie nicht mit meinen eigentlichen Studieninhalten beschäftigt: Vor 40 Jahren dachte man, dass das Gehirn im Alter automatisch degeneriert und dass Lernen nur in der Jugend möglich sei. Das ist ein Grund warum beispielsweise meine Großmutter aber auch andere Leute in ihrem Alter immer mit der Ausrede daherkommen, sie seien zu alt. Zu alt, um beispielsweise noch eine Sprache zu lernen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Die Information, dass unser Gehirn selbst im hohen Alter noch neue Zellen produzieren kann, bzw. dauerhaft in der Lage ist, Teile seiner Masse zu spezialisieren – sie ist nicht bis zu meiner Großmutter durchgedrungen. Gut, kann man sagen. Sie ist Privatperson, Laie, Otto Normal Bürgerin eben. Wenn man sich für solche Dinge nicht interessiert, dann muss man später nicht mehr unbedingt Wind davon bekommen. Es sind notwendig Zufälle, die dazu führen, dass diese Dinge anderen Menschen (in ihrem Alter) trotzdem zu Ohren kommen.
Anders ist die Situation allerdings im akademischen Feld selbst bestellt. Dort hat es – euphemistisch formuliert – mit der Konservativität der einzelnen Personen zu tun. Gerade heraus würde ich es Desinteresse oder Faulheit nennen. Worauf ich mich beziehe – ich komme gleich darauf zu sprechen. Folgendes Beispiel: In meinem Fachbereich wird notwendigerweise in den Geisteswissenschaften über den Tellerrand geblickt – immerhin sind wir an einer technischen Hochschule und die Geisteswissenschaften profitieren von der Kooperation mitunter monetär. Wenn sie selbst Themen anbieten können, die die Hochschulverwaltung als interessant einstuft, ist der Drang nach Einsparung nicht besonders groß. Sie profitieren damit eher indirekt. Doch unsere technische Hochschule hat ganze geisteswissenschaftlichen Studienfächer gestrichen, weil sie zu wenig Abschlüsse produziert haben und zu viel in ihrem eigenen Wasser schwammen.
Und nun gibt es Fälle, in denen ich über bestimmte Paradoxe nur die Stirn runzeln kann. Nicht jeder wird wissen, wer Chomsky ist. Das ist auch nicht zwingend notwendig. Chomsky ist jemand, der u. a. eine Art neue Sprachwissenschaft, nämlich die so genannte generative Linguistik aus der Taufe hob. Er hat ein eigentlich geisteswissenschaftliches Terrain perspektivisch in die Naturwissenschaft orientiert. Denn Chomsky geht davon aus, dass der Mensch eine Art (Syntax-)Modul hat, das als grundlegendes Programm von Sprache funktioniert. Eine genomische Hardware, die zu beschreiben die generativen Linguisten wenig in der Lage sind, so weit es mir jedenfalls bekannt ist. Nun gilt Chomskys radikale generative Sprachauffassung als nicht mehr modern. In den späten 70ern und 80ern mag sie in gewesen sein, heute gibt es offenbar neurowissenschaftliche Befunde, die viele der Annahmen strittig, wenn nicht gar obsolet werden lassen. Was ich in diesem Absatz getan habe – ich habe in etwa die Position wiedergegeben, die mir in meinem Studium der Sprachwissenschaft an die Hand gegeben wird. Man lehrt mich, dass Chomsky out ist und weist mich auch darauf hin, warum dem so ist.
Gleichzeitig stelle ich fest, dass an der gleichen Hochschule, ebenfalls im Rahmen sprachwissenschaftlicher Lehre – allerdings im Bereich der Anglistik und Romanistik – manche Dozenten Chomsky eben noch nicht überwunden haben. Nicht, das man es muss. Aber reflektieren sollte man können. Mir ist klar, dass ein Diskurs akut sein kann und nicht einfach so zu den Akten gelegt werden muss. Mir ist aber schleierhaft, warum solche Informationen nicht zu manchen Leuten durchgedrungen sind, die ebenfalls in der Verantwortung der Lehre stehen. Es ergibt sich folgende kuriose Situation: Zwei Studierende an der RWTH, die beide in irgendeiner Form mit dem Thema Sprachwissenschaft in Berührung kommen, werden am Ende ihres Studiums durchaus unterschiedliche Auffassungen vertreten. Es ist nicht immer so, dass man als Student genügend Interesse mitbringt, um sich Themen selbst derart zu erarbeiten, dass man im Bilde sein kann. Geschweige denn, dass man in der Lage wäre, ohne Anleitung zu überblicken, welche Diskurse überhaupt aktuell sind. Ich habe dies am eigenen Leib gespürt, als ich in der Literaturwissenschaft einmal in einer Hausarbeit korrigiert wurde, ich hätte etwas sachlich Falches behauptet. Dumm gelaufen, denn ich zog mein Wissen aus einem Buch, dass ich in der Bibliothek fand, und ohne den notwendigen Überblick konnte ich nicht einschätzen, dass die Meinung, die ich dort las eher am Rand, denn im Zentrum des Diskurses zu verorten gewesen sein muss. Drum ist es mehr als traurig, finde ich, wenn es die Verantwortungspersonen nicht schaffen, ihre Studenten darüber aufzuklären. Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Professoren und Dozenten mich immer auch darauf hingewiesen haben, dass es da noch mehr gibt, und: Meine eigene Neugier schützt mich, wann immer ich sie aktiviert kriege, oft davor, zu einseitige Positionen für bare Münze zu nehmen, nur weil sie plausibel klingen.
Ich verstehe tatsächlich nicht, dass es Studenten gibt, die nicht einmal 300 Meter Luftlinie voneinander entfernt an der gleichen Hochschule die Lehre erteilt bekommen und man den einen kalten Kaffee vorsetzt, während man die anderen auf den neusten Stand der Diskurse bringt. Fahrlässig finde ich es außerdem. Denn jeder, der denkt, einen Vorsprung durch Wissen erfahren zu haben, wird in Diskussionen mit anderen noch oft darauf pochen im Recht zu sein, und selbst andere eines besseren Belehren wollen. Diejenigen, die Technikkommunikation, Kommunikationswissenschaft und anderes mehr studieren, sie dürfen mit Ergebnissen moderner Hirnforschung die Fundamente der generativen Linguistik erörtern und werden darauf hingewiesen, wie es sich verhält. Bei denjenigen, die in der Anglistik und Romanistik Spracherwerbsforschung zu einem ihrer Themen auserkoren haben, sie dürfen damit rechnen, ihr Wissen aus aktuellen Büchern und Aufsätzen zu ziehen, die den Datumsstempel aus den beginnenden 1980er Jahren tragen. Schade, dass das akademische Feld offenbar derart komplex ist, dass solche Situation nicht zu überblicken sind und wir damit leben müssen, dass Leute ausgebildet werden mit Informationen, die längst einer Aktualisierung bedurft hätten.
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Tags Anglistik, Chomsky, Geisteswissenschaften, Romanistik, RWTH, Sprachwissenschaften, Technikkommunikation
Kategorie Science · Autor Alexander Trust · 4 Kommentare

January 8, 2009 · 11:28 pm
Und eine Aufgabe der Informationswissenschaft ist es, dies zu verhindern.
January 9, 2009 · 12:04 am
Bist Du jemand, der aus diesem Bereich kommt?
January 9, 2009 · 12:25 am
Ich werde dir nichts neues sagen, aber darauf hinweisen möchte ich dennoch, weil es mir nicht ganz klar aus deinem Artikel hervortritt.
Klar sollte man den aktuellen Forschungshorizont im Auge haben, mit ihm aktiv umzugehen ist von Fach zu Fach unterschiedlich notwendig und schwierig, also fürher oder später im Studium zu erwarten. Allerdings kommt es nicht auf die aktuallität, sondern wie du an einer Stelle schreibst, auf das Reflexionsniveau an. Chomsky aufgrund einiger Trompetenergebnisse aus der Neurowissenschaft für überwunden zu halten würde ich beispielsweise hinterfragen und mir in aller Ruhe die dafür hervorgebrachten Argumente ansehen und die Ebenen genau untersuchen, auf denen und über die solche “neuen” Forschungen Aussagen treeffen bzw. überhaupt treffen können. Du wirst mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte, dass Sprache viel komplexer ist als hier blink etwas und dann dort. So sehr viel genauere Aussagen kann aber die Neurowissenschaft noch nicht über sprachliche Vorgänge machen. Das soll keinesfalls bedeuten, dass an Chomsky oder sonstwem festgehalten werden soll, sondern lediglich darauf hinweisen, dass wir Theorien immer noch sprachlich klassifizieren und somit bunte Synapsen- und Neuronenbildchen hier einfach nicht den Masstab bilden. Aber diese Diskussion will ich hier nur, wie du auch in deinem Artikel, anschneiden um klar zu machen, dass “neu” nicht das ausschlaggebende ist und wohl auch nicht das, was dich stört und mich gleichermaßen: uninteressierte Studierende und Lehrende, die tun, was sie tun müssen. Nicht mehr. Es geht nicht darum, wie neu irgendwelche Forschungsergebnisse sind, sondern wie genau, interessiert und reflektiert man damit umgeht. Denn dann würde man die Probleme, Fehler und interessanten Punkte auch aus dem Buch von 1980 herausarbeiten können. Damit wäre man zwar noch nicht auf dem neuesten Stand der Forschung, hätte aber eine Reflektionsarbeit geleistet, die der neuesten Forschung erst noch bevorsteht, an der sie sich beweisen muss.
Ansonsten gefällt mir dein Artikel ungemein gut und ich würde ihn so mit unterschreiben.
January 9, 2009 · 12:39 am
Ja Du hast Recht. Mich stört viel eher der mangelnde Reflexionshorizont. Es gibt ja durchaus Studenten, die auch selbst dazu in der Lage sind, hätten sie nur den Blick dafür freigestellt bekommen… was halt unsere Dozenten tun (glücklicherweise)… sie sind wissenschaftlich ehrgeizig und erarbeiten sich deshalb immer den aktuellen Stand der Forschungsdiskurse. Das tun die anderen nicht, sondern haben ihren Lehrerranzen mit Schablonen und Literaturlisten gefüllt, die wohl nie aktualisiert wurden. Das ist dann ein Handicap für deren Studenten, und ich finde es sehr schade. Es ergab sich halt die Situation, dass man ins Diskutieren kam. Und ich habe genau gemerkt, dass man mir auf manche Fragen – ich stelle gerne welche – keine Antworten geben konnte. Warum? Nun, weil das nie thematisiert wurde, nicht thematisiert werden konnte. Dennoch hat der Gegenüber eine Position eingenommen, von der er annahm, sie entspräche dem, was es über Chomsky zu wissen gelte.
Und ich hab ja auch zum Besten gegeben, dass das Geschilderte dasjenige sei, was man mir mit aller Vorsicht natürlich, vermittelt hat. Drum würde ich nicht hingehen und Chomsky vollkommen aus den Augen verlieren. Noch dazu ist ja der Begriff von Sprache bei Chomsky ein total anderer. Es ist ein interessantes Betätigungsfeld allemal.