Veröffentlicht am 6. Februar 2009 von Alexander Trust
Ausgangspunkt war dieser Blogbeitrag einer jungen Dame aus Freiburg. Sie ist 27 Jahre jung und schreibt in einem Blogbeitrag (den natürlich niemand lesen muss), dass sie fortan die Kommentarfunktion für ihr Blog abschaltet. Sie hat die Nase voll davon, dass andere Leute sich in ihr Leben einmischen, sie kritisieren, ja sogar beleidigen, etc. pp. Ich bin nicht mehr ganz 27 Jahre junge, sondern letztes Jahr im November wieder ein Jahr älter geworden. Mit 28 habe ich aber dennoch rein rechnerisch keinen so großen Altersvorsprung. Ein Argument und mein Argument kann hier also nicht der Vorsprung an (Alters-)Erfahrung sein. Bevor ich mich begründe: Ich finde die Ansicht naiv, und somit auch diejenige von Anke Gröner und auch die von Konstantin Klein. Beide befürworten die Haltung von der jungen Dame aus Freiburg.
das hier ist ein persönliches weblog über teile aus einem echten leben.
dass ich daraus erzähle, heißt nicht, dass ich es zur diskussion stelle.
dass ich teile meines lebens öffentlich einseh- und begleitbar mache, bedeutet nicht, dass mein leben nur aus dem besteht, was ich blogge, twittere oder flickre. es bedeutet auch nicht, dass man mein leben abonnieren und beschwerde einreichen kann, wenn irgendetwas nicht ausführlich oder verständlich genug beschrieben wird.
ich freue mich über jeden, der mein blog gerne liest. aber ich bin niemandem rechenschaft schuldig und ich muss mich niemandem erklären. es ist immer noch _mein_ leben. (coolcat)
Ich gebe allen Drei natürlich Recht, wenn das eigene Leben das eigene Leben ist. Ob “coolcat” nun ihre Kommentare abschaltet oder nicht, tut außerdem nichts zur Sache. Sie fordert ja die Leser auf, ihr an ihre Emailadresse zu schreiben. Was ist das aber, wenn nicht ein Widerspruch in sich? Zudem ist der ganze Blogbeitrag über “das bittschön nicht in mein Leben einmischen” ja ebenfalls an jemanden adressiert. Und dieselben Leute, die vorher sonst kommentiert haben, sollen das jetzt lesen, um fortan nicht mehr zu kommentieren. Wenn sich keiner einmischen können soll, dann muss auch niemand adressiert werden. Dann ist dieser ganze Blogbeitrag sinnlos, ganz nach der Logik des Privatsprachenarguments von Ludwig Wittgenstein.
Dass die junge Frau die Kommentare abschaltet ist natürlich ein gangbarer Weg, sich vor der Tatsache zu verstecken, dass Nichts im Netz privat ist (es sei denn vielleicht mittels Passwortschutz vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt). Wir können gerne hier eine Debatte um Privates und Privatheit führen. Einige erinnern sich noch an Ali Iscitürk ((vgl. Ali I.: wie man sein Kind verkauft)) aus Süddeutschland, der Anno 2007 Fotos von seinem kleinen Sohn ins Netz stellte und dann das zornige Meckern darüber anfing, dass Leute sich darüber mockierten. Der Zorn des damals selbsternannten Blogkillers verrauchte wieder, er lud manche der Blogger in eine Kneipe ein und verstand, dass er, wenn er nicht wollte, dass jemand daran anteil nehme, das ganze mittels Passwort verschlüsseln müsste.
Dass coolcat nun die Kommentare deaktiviert ist in meinen Augen inkonsequent. Wenn sie nicht will, dass Leute sich einmischen, dann muss sie sich der Öffentlichkeit entziehen. Das Internet ist ein Medium der Öffentlichkeit. Gerade das ist der Vorteil von uns vielen kleinen, die wir alle auch zu Produzenten werden können. Jeder, der im Internet publiziert, und sich im Netz bewegt, sollte sich dieser Tatsache bewusst sein. Wer das nicht will, möge bitte vom Medium der Öffentlichkeit die Finger lassen. Es ist natürlich hier nicht den Beleidigungen der Leute nach dem Mund geredet. Die Leute haben natürlich kein Recht, coolcat zu beleidigen, doch sie haben das Recht, sich in den Teil ihres Lebens einzumischen, den sie zur Einmischung freigibt. Egal ob jemand Geschichten erzählt, oder Berichte verfasst, ob jemand Fotos online stellt oder Kochrezepte, ob jemand ein Blog betreibt oder in einem Social Network unterwegs ist. Überall ist eine Öffentlichkeit, die alles andere ist als das, was man gemeinhin Privatheit oder Privatsphäre oder sogar sein Privatleben nennt.
Ich kenne natürlich nicht die Fälle, in denen coolcat beleidigt wurde, aber ich weiß z. B., dass ich an eigener Haut erfahren musste, wie die Kunstfigur Don Alphonso meine (und die) Unternehmungen (von Freunden) im Bereich eines Kurzgeschichtenwettbewerbs der Lächerlichkeit preis gegeben hat. Er hat seine Wahrheit dargestellt und wollte damit zeigen, wie naiv unsere Vorstellung sei, etwas erreichen zu wollen. Dass es darüber verschiedene Meinungen gibt, dürfte auch klar sein. Da der ursprüngliche Verleger uns im Stich gelassen hat, saßen wir halt auf dem Trockenen und suchen streng genommen noch heute nach einem adäquaten Ersatz. Wenn mich jemand beleidigt, im Netz wie in der Realität, dann kann ich das unterbinden, weil ich im Recht bin. Wenn jemand allerdings schreibt oder kommentiert, dass einige meiner Handlungen naiv sind, bzw. ich Dinge vielleicht besser hätte nicht tun sollen, und anderes mehr, dann glaube ich, dass diese Leute das tun können. Jeder von uns sollte sich darüber klar werden, was Öffentlichkeit eigentlich bedeutet. Ich kann nicht erwarten, im Netz aktiv zu sein, und mich dann wundern, wenn andere Leute mein Treiben auffällt. Darin steckt das Potenzial, positiv wie negativ, dieses Netzmediums. Jedenfalls ist das meine persönliche Meinung.
Ich hatte hier schon Leute, die in ihren Blogs Leute aus dem StudiVZ als Nazi-Schweine beschimpft haben, und in dem Moment, wo ich darüber gebloggt habe, mich baten, doch bitte ihren Namen zu löschen. Jeder kann auf ihrem Blog die Verbindung herstellen – warum also muss den Leuten die Öffentlichkeit immer erst so spät ins Bewusstsein greifen? Ich hatte hier schon Firmenbetreiber, die mir mit Unterlassungsklagen gedroht haben, weil ich Fakten gebloggt habe, die jeder einsehen kann, die diese aber dennoch nicht wahrhaben wollten. Für jene wie für diese gilt der gleiche Ratschlag: Werden wir uns klar darüber, was Öffentlichkeit eigentlich bedeutet, ehe wir egoistisch Forderungen formulieren, Leute dürften sich nicht in unser Leben einmischen. Sie dürfen uns nicht beleidigen, ja. Aber sie dürfen sich wie jeder andere auch in unser Leben einmischen. Ob nun der beste Kumpel zu mir sagt, hör mal, Alex… das ist aber naiv, oder ob Don Alphonso das tut, das ist kein allzu kategorialer Unterschied. Denn mein Kumpel kann das nur sagen, wenn er die Fakten kennt. Und da ich selbst im Netz die notwendigen Fakten preisgebe, kann auch jeder andere sich das Urteil erlauben, zu sagen, ich sei naiv. Damit muss ich leben. Wenn ich das nicht kann, hab ich im Netz nichts zu suchen. Tschuldigung, wenn ich das so hart formuliere. Aber so denke ich.
Blog, Privat, Privatheit, Privatsphäre
Und wie ist deine Meinung?
Manchmal muss man Menschen einfach Menschen sein lassen. Was urteilst Du über Motivation, Sinn und Unsinn? Unsere einzige Aufgabe besteht m. E. darin, die Entscheidung der Bloggerin zu akzeptieren.
Genauso wie Du erwarten würdest, dass man Deine Entscheidungen akzeptiert. Und vielleicht mit Dir unter 4 Augen darüber redet, aber sich nicht auf den Marktplatz stellt und Deine Entscheidung öffentlich kritisiert.
Oder?
Es gibt kein Recht auf eine Kommentiermöglichkeit. Wer einen Text veröffentlicht, muss zwar mit den Reaktionen leben, ist aber nicht verpflichtet, diesen Reaktionen auf den eigenen Seiten Platz einzuräumen – das ist für mich sonnenklar!
Und ich kann es gut verstehen, wenn manchem einfach die Lust vergeht, Kommentargespräche zu führen, wenn allzu oft übergriffige oder gar beleidigende Beiträge erscheinen. Das verdirbt zumindest die Stimmung und man muss sich das nicht antun. Wer rummeckern will, kann das ja zur Not im eigenen Blog tun.
Warum erscheint mein Kommentar nicht? Such keine Meldung “wird moderiert” oder so….
Warum schützen solche Leute nicht einfach ihr Blog mit einem Passwort und geben das nur denen, die es lesen sollen. Irgendwie naiv das Ganze.
Apropos Ali: Gut dass Du mich erinnerst. Muss ich doch glatt mal wieder vorbeischauen. Dein Trackback ist leider nicht bei mir angekommen. Ping doch nochmal.
@Stefan: Ich halte deinen dauernden Relativismus für unangebracht, zumal du ihn nie an zwei Orten gleichzeitig wirst durchhalten können. Du kannst doch genausogut sagen, lass doch den Schäuble spionieren. Immerhin ist er Innenminister, wir sollten ihm mehr Respekt zollen und seine Entscheidung akzeptieren. Stattdessen stellst du ihn auf den Marktplatz und…?
Also ich akzeptiere, dass die Frau ihre Kommentare schließt. Ich greife nur das Thema auf und sage, dass ich denke, dass es naiv ist.
@Claudia: Dein Kommentar ist erschienen, das doofe Caching-System macht hier nicht ganz mit. Dein Kommentar, deine Kommentare sind veröffentlicht. Einfach mal neu laden den Browser. Antun muss man sich Gespräche mit Freunden auch nicht… bzw. die Einschätzungen zur eigenen Person von der zukünftigen Schwiegermutter um mal in Klischess zu sprechen. Drumherum wird man kaum kommen, es sei denn man isoliert sich mit der zukünftigen Braut. Das ist dann aber nicht mehr das, was man gemeinhin “normal” nennt. Anders geht’s natürlich auch. Nur anders finde ich in dem Fall naiv. Wenn coolcat Fotos von sich veröffentlicht oder ihr Leben dort zur Schau stellt, kann sie sich meiner Meinung nach nicht wundern, wenn es Leute gibt, die was zu mosern haben. Ich sage ja nicht, dass ich das Mosern toll finde, aber dass Öffentlichkeit so funktioniert.
@StoiBär: Ich probier’s.
Lieber Alexander,
nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Wie kannst Du überhaupt auf die Idee kommen, so unsinnig vergleichen zu wollen? Wenn Schäuble spioniert, berührt er damit den Kernbereich meines Lebens. Wenn die Bloggerin nicht möchte, dass bei ihr kommentiert wird, berührt mich das in keinster Weise genau so.
Mein “Relativismus” bedeutet hier eher: Genau wie ich Dir zubillige, Kommentare zu zeigen, zu moderieren, zu löschen oder erst gar nicht zuzulassen, mache ich das bei ihr. Zu Bloggen und mit Kommentaren zu bloggen sind zweierlei Dinge, die man durchaus getrennt betrachten kann. So ist einer der bekanntesten Blogs in Deutschland seit Anbeginn ohne Kommentarfunktion: fefe.
Ich würde eher so weit gehen und Dir Vermessenheit unterstellen, zu glauben Du könntest entscheiden, was sich für einen Blogger gehört und was nicht. Gleiches gilt für den Kommentar vom Stoibär, bei dem ich ja auch gerne lese: Es ist die freie Entscheidung eines jeden Schreiberlings, ob er Kommentare wünscht oder nicht. Das hat lange nichts damit zu tun, seine Werke nicht mehr der Öffentlichkeit zugängig zu machen.
Ehrlich gesagt verstehe ich Dein Problem nach wie vor nicht. Denn – und das ist ja eine Wiederholung – Du würdest das Gleiche doch für Dich einfordern!
Lieber Stefan,
das mag ich dir gerne erklären. Der Vergleich ist statthaft in meinen Augen, weil beiden Entscheidungen von dir ein Prinzip zuwider läuft. Auf der einen Seite lässt du den anderen gewähren, auf der einen Seite nicht. So abstrakt und so grundlegend ist hier die Unterscheidung.
Was ich für ein Problem habe? Gar keines. Ich möchte nur darüber diskutieren. Ich finde es naiv, zu glauben, man breitet sein Leben im Netz aus und bekäme kein Feedback. Über die Art des Feedbacks kann man streiten, Beleidigungen sind tabu. Aber der Beitrag von coolcat war grundsätzlicher gefasst. Sie ist der Auffassung, dass das, was sie von sich veröffentlicht keine Schnittmenge zwischen sich, den Lesern und ihrem wirklichen Leben darstellt. Das ist in meinen Augen grundfalsch. Denn das Internet ist in meinen Augen eine Teilöffentlichkeit und wir können gerne über die “Regeln” der Öffentlichkeit debattieren, aber wir können nicht öffentlich schreiben und dann so tun, als hätten andere etwas falsch gemacht. Treffende Beispiele für solche Situationen habe ich, denke ich, gegeben… wie bspw. mit der Schreiberin die in “ihrem” Blog über einen Nazi im StudiVZ lästert, mir aber diese öffentliche Information zu verbreiten untersagen möchte. Und wenn ich auf ein Mal aus dem Leben der coolcat eine Satire machte, dann kann ich das nur, weil sie mir die Informationen und Fakten dafür selbst präsentiert hat. Ihre Kommentare kann sie schließen und jeder kann das, der will, und ich kann sie geöffnet haben und Don Alphonso kann Leuten das Wort abschneiden und jeder wie er will. Aber sie hat dort einen Schuldigen gesucht, ohne die Schuld vorher bei sich selbst zu suchen.
Ihr Leben ist das, was sie draus macht. Anderen Leuten vorzuschreiben, sie dürften sich nicht über ihr Leben mokieren, lustig machen, sich einmischen, wie sie es sagt, ist wie Schäuble, der anderen Leuten vorschreibt, sie mögen überwacht werden ob es ihnen passt oder nicht. Denn der Teil von dem, was sie im Netz von sich preisgibt gehört ihr und uns. Ein wenig wie mit unserer Sprache, sie gehört jedem einzelnen aber eben auch allen zugleich. Da kann ich auch nicht hingehen und sagen: Das Wort kannst du aber nicht benutzen, weil es mir gehört… und auf die Weise darfst du aber nicht schreiben, weil ich es so tue. Öffentlichkeit wird über Konventionen geregelt, damit sie funktioniert. Coolcat möchte nun Öffentlichkeit vom Kopf auf die Hände stellen und ist damit nicht nur naiv sondern irgendwo auch egoistisch. Es mag sein, dass sie mit Ihrer Forderung nicht alleine ist, aber es liegt an uns, die Regeln für Öffentlichkeit neu zu definieren. Vorhandenes können wir nicht einfach ausblenden, nur weil es uns nicht in den Kram passt.
Ich war übrigens einkaufen und bin jetzt mit Kochen beschäftigt, um deine Frage aus dem Messenger vorweg zu beantworten.
ich selber enthalte mich lieber jeglichen kommentars, möchte aber zur allgemeinen anregung folgendes zitat wiedergeben:
“Man kann wetten, dass jede öffentliche Meinung, jede allgemeine Konvention eine Dummheit ist, denn sie hat der großen Menge gefallen.”
aus:
http://de.wikiquote.org/wiki/Nicolas-Sébastien_de_Chamfort