10. March 2009

Schmaler Grat zwischen Hilfestellung und Erlahmen

Aachen. RWTH. Wo gehobelt wird, da fallen Späne?! Das ist richtig. Soziale Kälte gibt es überall, umso erfreulicher ist es, wenn Personen in den Dienst der Hochschule gestellt werden, die vielleicht nicht immer ganz mit ihrer Umwelt auskommen können. Das Schlagwort, um das es geht heißt Sozialphobie. Die Arbeit in einer Bibliothek kann durchaus als Dienstleistung eingestuft werden. Der richtige Ort also, um gegen die eigenen Ängste anzugehen.

Die Hochschule streckt die Hand aus und stellt vor Monaten jemanden ein, der mit seiner Umwelt nicht immer ganz im Reinen ist. Person X wird von den Mitarbeitern vor Ort gut und herzlich aufgenommen. Von den meisten jedenfalls. Scherereien gibt es nicht, Konfliktpotenzial nur einseitig. Von Mobbing kann nicht die Rede sein. Doch gibt es Konstellationen im Team, die für mehr Unbehaglichkeit und größere Anspannung bei X sorgen, als andere. Arbeitet X mit Y geht es halbwegs. Arbeitet X mit Z möchte er fast schon wieder nach Hause. Solche Konstellationen entsprechen allerdings dem normalen Leben. Man ist sich nicht mit jedem grün und wird auch mal von jemandem herumkommandiert, muss in den sauren Apfel beißen.

Wie möchte man Personen mit Sozialphobie helfen? Einfühlungsvermögen ist natürlich notwendig. Doch das kann nicht gleich gesetzt werden mit der Erlaubnis, immer bemuttert und betüddelt zu werden. Klar das Meinungen, die auf dem gesunden Menschenverstand fußen da auseinander gehen. Denn der gemeine Intellekt neigt zu freudschen und anderen Fehlleistungen, weil er oft die Komplexität gewisser Konstellationen unterschlägt. Stellen wir uns also X vor, wie er von der Parentalgeneration manchmal zur Hochschule begleitet wird, und darauf angewiesen ist, dass jemand mit ihm in Pause geht. Bange Minuten stellen sich bei X ein, wenn der Kollege auf Toilette gehen möchte, und X selbst alleine mit den bösen Studierenden und der Verantwortung bleiben muss, für ganze drei Minuten wahrscheinlich.

Man kommt X entgegen, organisiert die Arbeitszeiten der einzelnen Kräfte meist so, dass immer jemand da ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. Anrufe häufen sich, Missmut macht sich breit. X teilt am selben Tag, an dem er arbeiten müsste mit, er könne nicht kommen. Aus Rücksicht auf X geschieht nichts. Die Kollegen oder der Kollege muss den Dienst alleine rumkriegen. Blöd, wenn dann mal jemand auf Toilette müsste oder in Pause hätte gehen wollen. Beides gecancelt, weil X nicht aufgekreuzt ist und der Chef sich eh immer schon rar gemacht hat (er hat seine Gründe).

Was ich hier beschreibe ist eine Konstellation, wie es sie an der RWTH wirklich gibt. Es ist eine nicht einfache Konstellation. Von oben her wird bislang immer mit Nachsicht reagiert, weil der Leitung Durchsetzungsvermögen abgeht. Man könnte ja gegenüber X in schlechtes Licht gerückt werden, und was würden die anderen denken, wenn man sich gegenüber X härter gebären täte?! Woche um Woche vergeht. X denkt laut darüber nach, den Job komplett an den Nagel zu hängen. Das weitaus größte Problem an dieser Angelegenheit ist allerdings, dass niemand offen darüber spricht. Ich als Unbeteiligter kriege hin und wieder aus Erzählungen von Mitarbeitern mit, wie unzufriedenstellend die Situation eigentlich ist. Trotzdem traut sich keiner, aus Angst wahrscheinlich, man könnte egoistisch gelten oder gefühlskalt und hart. Es ist natürlich ein sensibles Thema, doch Woche für Woche vor Überraschungen gestellt zu werden, weil Kollege X nicht gewillt ist, gegen die Angst zu kämpfen.

X ist rein vom Alter her nicht mehr als grün hinter den Ohren zu bezeichnen. Die soziale Kompetenz, die X gesammelt hat tendiert aber gegen Null. Einzelkind, spät geboren (alte Eltern) – man wird betüddelt, auch zu Hause, von den Eltern zur Arbeit gefahren, die bereits verrentet sind. Manchmal hockt ein Teil der Parentalgeneration sogar an der Hochschule und wartet. Wartet darauf, dass X mit der Handvoll Stunden an leichter Arbeit fertig wird. Hier wird jemand mit Samthandschuhen angepackt, der vielleicht lieber mal ein Erweckungserlebnis über sich ergehen lassen müsste. Zudem bedarf es einer fachmännischen psychologischen Unterstützung. Solange aber keiner den Mund aufmacht, wird wohl der schmale Grat gar nicht erst tangiert werden.

Auf den ersten Blick mag es unpopulär wirken, jemanden anzugehen, der unter extremer Sozialphobie leidet, warum er sich gegenüber Kollegen und Kolleginnen so verhält. Doch die Chefetage trägt selbst eine Bürde vor sich her, wie einst Schiffe eine Galleonsfigur. Aus diesem Grund ist diese eher gewillt, die Samthandschuhe walten zu lassen. Dass eine offene Diskussion um das Thema auch dem betroffenen X weiterhelfen könnte scheint dabei niemandem bewusst zu sein. Stattdessen arrangiert man sich zähneknirschend mit der Situation, und sieht zu, wie der effektive Arbeitsbetrieb dadurch nicht zum Besseren bewegt wird.

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