21. March 2009

Winnenden: Pro und Kontra offener Brief

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Die Amokopfer trauern und machen sich Gedanken. Sie veröffentlichten in der ortansässigen Tageszeitung einen offenen Brief. Ich möchte hier an der Stelle tun, was ich als Blogger und Privatmensch eben tun kann, meine Meinung äußern. Zu diesem Zweck werde ich immer wieder Passagen des Briefes zitieren und dann kommentieren. Fangen wir an:

[...] Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich. [...]

Mir liegt der Waffenbesitz gänzlich fern. Selbst als ich in der Kindheit ein schweizer Taschenmesser geschenkt bekam, verstaubte es in der Schublade. Für Schusswaffen hatte ich noch weit weniger Verwendung. Ich finde sie unnötig. Auch wenn ich mich früher in der Schule gerauft habe, lähmt mich heute der Anflug von Gewaltpotenzial. Ich mache einen großen Bogen darum. Eine Heraufsetzung der Altersgrenze für die Ausbildung an der Waffe finde ich durchaus gerechtfertigt.

Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Das Fernsehen, als noch wichtigste Informations- und Unterhaltungsplattform, hat einen sehr großen Einfluss auf die Denk- und Gefühlswelt unserer Mitbürger. Das Fernsehen setzt heute die ethischen und moralischen Standards. Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen, dass die Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild folgen wird. Von den Sendern muss verlangt werden, dass sie ein ausgewogenes Programm anbieten und die Zurschaustellung von Gewalt reduziert wird. Eine „Gewaltquote“, der Anteil von Sendungen mit Gewalt in Relation zur Gesamtsendezeit pro Sender, sollte eingeführt werden.

Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche fernsehen, sollten generell gewaltfrei sein.

Gut erkannt hat man, dass dem Fernsehen im Prinzip der Rang abgelaufen wird, auch, dass Fernsehen Einfluss nimmt. Gleichwie überschätzt man den Prägungscharakter des Fernsehens. Was ist ein ausgewogenes Programm? Und was ist Gewalt? – Die Gewaltquote, bspw., von der die Rede ist. Haben wir noch schon eine Regelung, die den Sendern vorschreibt, dass sie FSK 16 erst ab 22 Uhr und FSK 18 erst nach 23 Uhr zeigen dürfen? Und dann geht es darum, zu besprechen, was Gewalt eigentlich ist. Wenn man Nachrichtensendungen als potenzielle Sendungen, die Gewalt ausstrahlen mitzählt, würde man die restliche Zeit Bienchen und Blümchen anzeigen dürfen. Das ist natürlich überspitzt dargestellt. Doch hier muss der Diskurs darüber stattfinden, was denn mit Gewalt gemeint ist, bevor Regelungen getroffen werden können. Vielleicht sollte die FSK ihre Grundsätze neu diskutieren und andere Maßstäbe ansetzen?! Was sind Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche Fernsehen? Wenn es entweder Eltern gibt, die ihre Erziehungsaufgaben vernachlässigen, oder aber solche, die einen liberalen Umgang mit dem Medium forcieren, dann wird man schon zwei Ansatzpunkte haben, die den Zeitkorridor, wenn Kinder und Jugendlichen fernsehen, torpedieren. Dass das noch Leitmedium Fernsehen, wie viele andere Dinge unserer täglichen Umwelt, aber vor allem unsere sozialen Kontakte eine Sozialisierungsfunktion haben und uns formen, das ist unbestritten. Und doch sollte man den Einfluss nicht zu hoch einschätzen und vor allem nicht pauschalisieren. Kinder, denen der Fernseher als Elternersatz dient, werden durchaus stärker in ihrem Denken beeinflusst, als solche, die in einem intakten sozialen Umfeld leben. Es gibt genügend Studien, die sehr praktische Ansätze verfolgen, und sehr schön zeigen, was eigentlich geschieht, wenn Kinder und Jugendliche Fernsehen, und wie sie das Gesehene auch dazu verwenden um es mit ihrer eigenen Umwelt zu vergleichen und reflektieren.

Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören verboten. Gleiches gilt für alle Gewalt verherrlichenden Spiele, deren Aufbau und Darstellung sehr realistisch sind und bei denen viel Blut fließt.

Warum müssen die Erzeuger von Lungenkrebs ihre Tabakpackungen mit Etiketten versehen, dürfen aber die Urheber von Komasaufprodukten ohne auskommen? Warum sollen Leute Schusswaffen tragen dürfen, Tiere im Wald abknallen dürfen, aber Killerspiele seien dann zu blutrünstig?! Über den Sinn und Unsinn von Killerspielen kann man diskutieren. Die amerikanischem Militärs setzen Simulationen ein, um ihre Soldaten zu trainieren. Das ist, gelinde gesagt, wie die Ausbildung an der Waffe. Wer ein solches Verbot nicht fordert, sollte nicht so opportun sein, und es bei Computerspielen tun. Wenn man Ausnahmen zulässt, wird es immer Diskussionen geben. Das ist keine praktische Grundlage für irgendwelche Handlungen. Die Amerikaner können den Iranern auch nicht begreiflich machen warum die US-Boys mit Atomrakten spielen dürfen, die Iraner aber nicht. Ich diskutiere hier überhaupt nicht, ob die Forderung generell sinnvoll ist. Es gibt genügend Menschen, die damit übereinstimmen, dass die Gewaltdarstellung in Computerspielen nicht sein müsste. Es gibt aber aber auch die andere Fraktion. Allerdings würde es der schwerer fallen, zu begründen, warum Gewalt überhaupt in Spielen abgebildet werden muss. Muss sie das?! Aber muss man dann Selbstverteidigung erlernen, und sich darin üben, wie man mit Schlägen und Tritten auf Mitmenschen einprügelt? Muss man die Erhängung Saddam Husseins vor laufender Kamera zeigen? Da reicht es nicht zu sagen, es soll nicht oder es darf nicht. Da müsste man schon sagen warum. Jedenfalls vor dem Gesichtspunkt, dass man mit den anderen darüber diskutieren möchte. Wenn man das nicht wünscht, wird man aber meines Erachtens nicht viel erreichen.

Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. In der virtuellen Welt werden heute anonym und gefahrlos Gedankengänge artikuliert und diskutiert, die eine Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellen. Wie diese Aktivitäten eingedämmt werden können, wissen wir nicht. Es darf aber nicht sein, dass sich junge Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalationen auffordern.

Wie wahr, wie wahr?! Aber sind wir doch mal ehrlich: Dieses Zitat spricht eher von der Ermangelung an Medienkompetenz der Schreiber, als von deren wasserdichter Argumentation. Das Internet und überhaupt die Elektrisierung unserer Medien (Telefon, Fax, Mobilfunk) haben natürlich auch “neue Formen” der Kommunikation geschaffen. Die Inhalte allerdings gab es schon vorher. Was uns heute bedrückt ist, dass uns das alles so gegenwärtig ist. Damit kommen viele nicht zurecht. Sollen wir RAF-Terroristen fragen, wie sie sich zur Eskalation von Gewalt aufgehetzt haben? Sollen wir die unschuldigen Medien wie Briefe beschmutzen und ihnen wirklich unterstellen, auf einem Blatt Papier hätte der Aufruf zur Gewalt gestanden?! Oder etwa das Treffen im realen Leben? Auf der Parkbank sitzend, vor dem Stadion stehend, usf. Ein jedes hat seine 2 Seiten. Das, was den Leuten von Winnenden hier als Nachteil erscheint, kann umgekehrt auch zur Aufklärung und Früherkennung beitragen. Denn den Brief der RAF-Terroristen konnte niemand lesen, die ICQ-History von den Terroristen von morgen schon. Und so leben wir seit Jahrtausenden in einer Welt, die eine Technik- und Mediengeschichte hat. Und wir sollten erkennen (können), dass Technikfeindlichkeit, aber genauso die übertriebene Affirmation von Technik, nicht die beiden Wege darstellen, mit denen man am besten mit dem Gegebenen zurecht kommt. Unsere Welt verändert sich, ständig. Es liegt auch an uns, dass wir möglichst kreativ und konstruktiv mit den Möglichkeiten umgehen, die uns gegeben werden, jeden Tag aufs Neue. Hier muss das Stichwort Medienkompetenz lauten. Das Thema Jugendschutz kann man aber davon getrennt diskutieren, nur eben nicht mit der meiner Meinung nach naiven Vorstellung, das Internet sei Teufelszeug und Schuld daran, dass Jugendliche sich zusammenrotten würden und zu Gewalt aufhetzten. Das hat mit den sozialen Implikationen des neuen Leitmediums überhaupt wenig zu tun.

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Verhindert es Nachahmungstaten, wenn Tim K. nicht mehr als Tim K. genannt und gezeigt werden kann?! Wie wurde Hussein zum Diktator? Weil er in Geschichtsbüchern von den Bildern und Taten Adolf Hitlers las und ihn heroisierte? Der Umgang mit diesen Medien ist die einzige Komponente, die wir beeinflussen sollten. Während der Nazi-Zeit gab es für die Hitlerjungen Alben mit Sammelbildchen, die das Fähnrichsein stilisierten. Wenn das Foto von Tim K. wie in einem Sammelband dargestellt wird, auf Seite 1 der BILD-Zeitung, könnte man sich überlegen, ob hier nicht etwa das Märyterhafte hervorgekehrt wird. Es ist tatsächlich eine Frage des Wie. Auch des “Wie wird es gezeigt?” Wenn wir den Amoklauf verniedlichen und/oder stilisieren wird natürlich aus dem Mörder eine Ikone. Doch eine fundierte und aufklärerische Berichterstattung sollte eigentlich dafür sorgen, dass das Gegenteil der Fall wird. Das klappt aber nur in einer gesunden Gesellschaft, in der soziale Kompetenzen stark gemacht werden, in der Nein-Sagen nicht unter Strafe steht, in der Opportunismus nicht an der Tagesordnung ist. Wenn wir in so einem Elysium lebten, könnte man sich vielleicht den Worten anschließen wollen. Gleichwie kann ich mich dem nicht anschließen, nicht jetzt und nicht später.

Wir wollen, dass die Tat aufgeklärt und aufgearbeitet wird. Das Warum der Tat wird sicher nie vollständig geklärt werden können. Wichtiger für die Angehörigen und unser aller Zukunft ist die Frage: Wie konnte es geschehen? Wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben. Dazu gehören auch das Aufzeigen der persönlichen Verantwortung und die daraus folgenden – auch juristischen – Konsequenzen.

Das klingt freilich wie eine Drohung. Doch ich finde gut, dass hier aufgearbeitet wird und auch menschliche Versäumnisse in irgendeiner Weise sanktioniert werden sollen (vor Gericht). Denn gerade das wird Winnenden helfen, ein Bewusstsein zu entwickeln, was schief gegangen ist. Wir alle, weil wir die Gesellschaft ausmachen, sind zum Teil Mitschuld an den Geschehnissen, weil wir eine Umwelt geschaffen hatten, in der es so weit kommen konnte. Ich zog damals den Groll vieler Klassenkameraden auf mich, als ich Meldung machte, weil einige Spaßvögel einen Mitschüler mit Paketklebeband fesselten. “Aber er hat doch Ja gesagt.” Ich war am Ende für eine Weile eine persona non grata, weil ich Zivilcourage bewies. Wenn wir eine Gesellschaft haben, in der das so ist, dann müssen wir uns freilich nicht wundern. Wenn es cooler ist, dem anderen Schad und Leid zuzufügen und sich zu ergötzen, dabei zu schweigen. Dann wird es auch demnächst wieder jemanden geben, der mit diesem Leben abschließen will. Selbstmorde gibt es genug. Alle diese, die den Suizid begangen, hatten mit Tim K. gemeinsam, dass sie auf dieser Welt nicht mehr sein wollten und “die Schnauze voll” hatten. Können wir nicht dafür sorgen, dass auch Leute wie Tim K. gerne unter uns weilen, damit in Zukunft solche Gewalteskalationen vermieden werden können?!

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Kategorie Glocal, Media, Politics, Science · Autor · 2 Kommentare


2 Kommentare

  1. Kommentar von Marc Bastian
    March 22, 2009 · 7:49 pm

    Wir sind auf der gleichen Wellenlänge. Ich kann dir in allen Punkten die du erwähnt hast zustimmen. Kennst du den offenen Brief von Deef Pirmasens an Medien, politiker und Journalisten? Der ist ähnlich gut wie dein Artikel. Auf http://www.gefuehlskonserve.de oder meiner Webseite findest du diesen. Gruß Marc

  2. Kommentar von Alexander Trust
    March 22, 2009 · 11:58 pm

    Hab den Kommentar jetzt freigeschaltet. Danke für den Hinweis, hab auch bei Facebook eine Anfrage gestellt.

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