24. March 2009

Web 2.0 noch lange nicht am Ende

Warum ich nicht glaube, dass das Web 2.0 seine besten Zeiten schon überlebt hat, habe ich heute in einer Diskussion mit einem Kollegen ziemlich klar vor Augen gehabt. Solange wir keine Regulationsmechanismen gefunden haben, um die Spreu vom Weizen zu trennen, wird es noch lange ein Web 2.0 geben. Solange wir nicht erste Situationen erleben, in denen wir uns mit dem, was im Web 2.0 den Ton angibt – Meinungen -, noch nicht (pardon den Ausdruck) auf die Fresse gelegt haben, solange brauchen wir uns auch keine Gedanken darüber machen, dass es vorbei sein könnte.

Das was als semantisches Web an die Tür klopft ist eher eine Subrevolution der (programmier)technischen Grundlage und wird diesen sozialen Trend, dass jeder was zu sagen hat nicht unterbrechen. Es wird uns aber auf dem Weg helfen, irgendwann Quantität und Qualität zu sondieren. Doch, wie kam es heute zu diesem Gedankengang:

Einer meiner Redakteure bei GamePorts frug mich, ob mein iPhone irgendwelche Bildfehler habe oder Farben falsch darstellen würde, weil er sich vor kurzem einen iPod Touch 2G zugelegt hatte und über viele Amazon-Bewertungen, die auf die Darstellung von Falschfarben hinwiesen erstaunt war. Er selbst konnte den Fehler nicht reproduzieren.

Wir kamen von Stöckchen auf Steinchen, drehten uns aber immer im Web 2.0-Kreis von Meinungen, von User Generated Content. Web 2.0 ist auch so etwas wie die Emanzipation des Nutzers. Wir fühlen uns immer mehr dazu getrieben selbst zum Produzenten zu werden, weil uns mit Kommentarfunktionen, Nutzerbewertungen, Blogs und Co die Möglichkeiten an die Hand gegeben werden. Wir haben eine Stimme und die wird noch lange nicht schwach auf der Brust werden.

Es gibt im Web 2.0 viel Meinung, aber wenig Wahrheiten. Bzw. es gibt wenig von dem, was gemeinhin als Wahrheit verkauft wird, nämlich der Versuch an Objektivität. Es gab bislang noch kaum nennenstwerte Fälle, in denen der so offensichtliche Schleier gelüftet wurde. Ich nenne das, was wir im Augenblick haben die Kinderkrankheiten des Web 2.0. Wenn es später einmal gut funktionieren soll, brauchen wir Regulationsmechanismen, um für objektivere Verhältnisse zu sorgen. Zwar sind wahrscheinlich viele auf der Suche nach der Wahrheit, doch spätestens wenn unsere Meinung gekauft wird, wie bei Amazons “mechanical Turk” unlängst geschehen, werden wir darauf aufmerksam gemacht. Uns wird der Finger in eine Wunde gelegt, die wir bislang noch ignorieren wollen.

Der Kollege hat mich gefragt, warum es bei derart vielen Nutzerwertungen ein Thema gewesen sei. Der Impuls ist eindeutig der persönliche Ärger. Schnell überwiegen die Nachteile. Wir kennen dieses Prinzip aus dem richtigen Leben. Wir kritisieren nur allzuleicht, Lob kommt uns aber selten über die Lippen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen Polen gibt es eigentlich nicht.

Was ist, wenn wir Gefahr laufen, die persönliche Meinung oder aber auch “den gesunden Menschenverstand” in der jetzt begonnenen und noch eine Weile andauernden Dekade wirklich über alles stellen? Wir laufen ins eigene Messer und werden uns daran übelst wehtun. Wenn ein Produkt von super vielen Leuten gekauft wird, weil sich irgendwie viral ein Trend ausgebreitet hat, dann freut das den Hersteller. Doch wenn ein Fachmagazin zu demselben Produkt eine Warnung z. B. vor potenzieller Überhitzung des Akkus in ihrem Testbericht erwähnt hatten, und kaum jemand hat davon Notiz genommen, dann bestrafen wir uns irgendwann selbst mit unserem Streben nach Selbstdarstellung und unserer Ignoranz vor der Bewertung unserer eigenen Expertisefähigkeiten. Nun kann man sagen, dass wir in der Summe zu einer fundierteren Objektivität gelangen, doch das würde voraussetzen, dass wir alle so medienkompetent sind und immer gleich viele Quellen zurate zögen.

Ich selbst habe es vor 2 Jahren erlebt, als StudiVZ ein beliebtes Thema in der Blogosphäre gewesen ist. Ich hatte mich damals eingeklinkt in den Diskurs, der hier schwelte, weil es mich interessierte, und ich habe damals sogar für einige Leute Nachrichten gemacht, weil sie meine persönliche Meinung als Nachrichten fehlinterpretiert haben. Wir sind aber auch nur so stark im Auftreten als Produzenten, weil der Gegner so schwach ist. Der Larifari im professionellen Journalismus, der in vielen Bereichen nicht viel mehr ist, als ein heiß gestricktes, fehlerdurchtränktes Abschreiben von Pressemitteilungen. Gegen Ende habe ich außerdem wohl wieder noch mehr Punkte auf die Tagesordnung gebracht, als ich beim Beginn des Schreibens im Sinn hatte. So ist es wohl immer.

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Kategorie Media · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare


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