9. December 2011

Twitter ist böse: Wenn Sprachschützer keine Ahnung haben

Über einen Beitrag einer “Deutsch-Expertin” aus Österreich, die sich so nennt, weil jeder andere das ebenfalls könnte, habe ich bereits versucht mich vor Ort in die Diskussion einzuklinken; zuletzt hat man meinen Kommentar mit “Argumenten” contra die Position der Autorin gelöscht. Nun gab es allerdings einen neuen Kommentar einer Nutzerin, der nur wieder zeigt, dass “Sprachschützer” und Puristen nicht unbedingt solche Leute sind, die wirklich Ahnung haben, sondern sich letztlich alles nur auf den wenig objektiven “Geschmack” reduziert.

Tendentiös war schon die Rede der Österreicherin, die Journalisten entlassen mochte, weil sie sich nicht an die Rechtschreibung halten. Pardon, weil sie “Lust auf’s Lesen” schreiben, statt “Lust aufs Lesen”. Der Duden sieht diese Form der Abkürzung nicht (mehr) vor. Ja warum eigentlich nicht? In anderen Sprachen ist das durchaus zu beobachten, und sicherlich diskutabel. Es ist sogar “sinnvoll”, wenn man versucht den Zusammenschluss zweier Wörter zu einem “anzuzeigen”. Immerhin schreibt ja die Österreicherin auch, sie sei eine “Deutsch-Expertin” und zeigt den Zusammenschluss der beiden Wörter mit einem Zeichen an, dem Bindestrich. Das sollte ja im Sinne derjenigen sein, die auf eine “ordentliche” Kommunikation abzielen. Nur letzterdings dürfte dann aber der Apostroph und auch der Bindestrich irgendwann der Bequemlichkeit anheimfallen, und diese wiederum ist ein besonders häufiges Antriebsmittel für den Sprachwandel. Das zumindest lehrt man die Leute im Grundstudium der Sprachwissenschaft. Also heißt es dann eben “Lust aufs Lesen” und “Deutschexpertin”. Doch solange geißelt man dann Leute, die “Lust auf’s Lesen” schreiben, denn dies ist angeblich ein “gravierender” Rechtschreibfehler. Warum bitt’schön gravierend? Mag mir das einer erklären? Das konnte die “Deutsch-Expertin” nicht, und deshalb habe ich seinerzeit versucht, dort eine Gegenrede zu postieren, die aber leider nicht angekommen ist im Elfenbeinturm.

Fakt ist die Rechtschreibung verändert sich zwar nicht ganz so schnell wie die jährlichen Floskeln für die Steuer, doch wer von uns ist ehrlich im Stande das komplette Vokabular seiner Muttersprache zu beherrschen? Selbst gebildete Leute kommen oft nicht einmal auf ein Drittel, dazu ist Sprache eben zu divers. Vor allem aber verändert sich Sprache ständig, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Immer “up to Date” zu sein, fällt nicht immer leicht, und sicherlich hat es manchmal mit Emanzipation zu tun, wenn man etwas gelernt hat, es gut und plausibel fand und nicht einfach darauf verzichten mag.
 

Mit Twitter geht die Welt zugrunde

Doch kommen wir zum neuerlichen Stein des Anstoßes. Auf Twitter heißt es in der Beschreibung wohl – Eva/Yael und einem Autor sei’s gedankt – also dort heißt es: “Auf der rechten Seite siehst du Funktionen mit denen Du vertraut bist, einschließlich wem Du vor kurzem gefolgt hast und wer dich seit kurzem folgt.”

Ich gebe zu, das Dativ-Objekt ist zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig. Doch in den romanischen Sprachen und selbst im Angelsächsischen ist das Gang und Gäbe und selbst im Deutschen gibt es einen Begriff dafür: Transitivität. Nun hat man also im frz. Wörterbuch ein Verb aber zwei Möglichkeiten, wie man es zur Anwendung bringt, und eben darüber einen Bedeutungsdifferenzierung herstellt. Nur da regt sich dann lustigerweise niemand auf, wenn es also mal dir oder mal dich heißt. Warum also im Deutschen so pikiert? Das allerdings weiß man nicht. D. h. ich weiß es wohl, denn der da spricht, hat die Ahnung nicht und also bleibt ihm alles fremd, was ein anderer kennt.

Das Schlimme ist ja, dass die Leute sich dazu noch gerne selbst widersprechen. Ich erinnere daran: Mir hat man ja den Kommentar mit Argumenten wie dem oben angebrachten gelöscht, weil sonst vielleicht die Autorität der Autorin über Gebühr strapaziert hätte werden müssen. In diesem Punkte hat man also meine Kompetenz angezweifelt, bzw. zurückgewiesen. Ich hab ja nur Deutsch studiert und bin unter die Schriftsteller gegangen, eine Veröffentlichung gibt es mindestens. Nun kann man sich ja an Definitionen klammern, doch gerade diese Eva, die an Twitter etwas auszusetzen hatte, schreibt dann selbst, dass “Sprachwandel” den “Schriftstellern” und “guten Journalisten” vorbehalten sein soll. Ein guter Journalist ist für mich jemand, der den Dingen auf den Grund geht, und wohl auch jemand, der den Wortschatz und die Grammatikkünste von manchem Sprachschützer sprengt, weil diese sich dann im Kreis drehen und mit ihrem Latein am Ende sind. Der Sprachwandel kommt von überall, Eva, nicht nur aus dem Elfenbeinturm. Danke für den Fisch.
 

Eines noch…

Ich leb dann als Schriftsteller lieber in meiner Kreativität, die Eva mir ja zugesteht. Aber gleichzeitig hab ich ja keine Ahnung – oder doch? Sie müssten sich freilich entscheiden, ob Sie mir dann die Kreativität lassen oder mir diese absprechen. Alles andere ist freilich nicht statthaft, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Oder ist Ihnen das Vokabel eventuell zu altmodisch? Bin ich Ihnen zu swag? Wusst’ ich’s doch.

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