Veröffentlicht am 12. Oktober 2012 von Alexander Trust

2 Jahre und kein bisschen weise. Mit 32 Jahren schreibt Philipp Möller ein Buch, weil er eben zwei Jahre in einer Grundschule als Lehrer ausgeholfen hat und total überfordert war. Seine Erfahrungen haben ihm nicht gefallen. Die Schuld sucht der Bildungsbürger allerdings bei den Kindern, anstatt sich selbst in die Verantwortung zu nehmen.
Philipp Möller, wenn er denn tatsächlich so heißt, hat eine Buchvorstellug in der BILD-Zeitung erhalten mit seinem Taschenbuch “Isch geh Schulhof: Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers”. Bei dem Titel des Buches wird sofort jeder an Sprachverfall und an Kinder mit Migrationshintergrund denken. Themen, die in der BILD-Zeitung gerne gesehen sind, weshalb Möller sich über gesteigertes Interesse und Verkäufe freuen wird können.
Doch der Autor aus dem Elfenbeinturm ist der Prototyp der Dekadenz, und seine Ansichten sind der beste Beleg dafür. Das Bildungssystem hat nicht erst seit Möllers 2 Jahren Aushilfslehrer-Job einen Bias, nämlich den, dass der Maßstab, der abgefragt wird, um Bewertungen zu erhalten, derjenige der Bildungsbürger ist. Während zwar alle Welt immer von den Problemen von Arbeiterkindern oder aus dem Prekariat spricht, während Problemkinder an Schulen meist aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund stammen sollen, ist das nicht die ganze Wahrheit. Punks aus Haushalten von Bildungsbürgern oder verwöhnte Gören von reichen Eltern haben mit dem Bildungssystem die gleichen Schwierigkeiten, nur fällt es weniger auf, weil sie am Ende doch noch irgendwie unterkommen.
Die Sprache von Lehrkörpern ist natürlich wegen ihres abgeschlossenen Studiums oft elaborierter. Die Interessen und Ziele, das, was gut für die Gesellschaft ist, diese Idee von Bildung, dieses Ideal dessen, was vermittelt werden soll, ist die Idee der Bildungsbürger (und der Politik). Sie entspricht nicht immer der Realität. Also sind diejenigen, die dieser Schablone nicht entsprechen problematisch. “Isch geh Schulhof?” Kaya Yanar verdient mit Sätzen wie diesem Geld. Wer hätte das gedacht. Ist der Kontext ein anderer, erscheint das offenbar nicht mehr als Problem.
Ganz offenkundig gab es in unserer Gesellschaft mal die Zeit und es gibt sie noch, in der Technik und IT, und das Social Web und Tablets etc. pp. (vor 10 Jahren waren es noch Computer) immer wichtiger wurden und werden. Es gab eine ganze Generation von Lehrern, die dieses Wissen, weil sie es nicht kannten, nie nicht vermitteln konnten. Da das Bildungssystem diese Kenntnisse aber als wichtig angesehen hat, wurde teils so lange gewartet, bis neue Generationen heranwuchsen, zum Nachteil der Schüler, die ebenfalls viel zu lange ohne gewisse Kompetenzen ausgebildet wurden. Teilweise wurden aber Quereinsteiger eingestellt, die Fachwissen aus der IT mitbrachten. Wirft man nun den Latein-Lehrern von damals so wie den angeblichen Problemkindern mit Migrationshintergrund Versagen vor? Diese Lehrer, die es nicht geschafft haben mit der gesellschaftlichen Entwicklung mitzuhalten, die hat man einfach in Ruhe gelassen, man hat sie vielleicht sogar noch in Schutz genommen. Sie mussten sich nicht anpassen, keiner verlangte von ihnen, sich anzupassen. Auf der anderen Seite wollen die Buschkowskys, die Sarazzins und Möllers dieser Welt aber, dass sich die “Problemkinder” anpassen, damit sie sie (noch) verstehen. Man hat das Bild vor Augen von den Propheten, die erwarten, dass der Berg zu ihnen kommt. Das ist der Prototyp der Dekadenz.
Profiler im Polizeidienst müssen sich selbst in die krankesten Gehirne von Serienkillern empathisch hineinversetzen, wenn sie sie “kriegen” wollen. Lehrer müssen aber offensichtlich keinen Jota weit auf die Realität zugehen, sondern erwarten, dass Theater, der promiske Goethe, der autoritäre Brecht und die Krimi-Autoren von heute und damals den Horizont ausmachen sollen, vor dem verhandelt wird. Wie Scharfrichter warten sie täglich in ihren Schulen darauf, dass sie den “bildungsfernen” Schichten egal ob arm oder superreich – eben allen, die nicht so sind wie sie – den Todesstoß verpassen können. Ein System schließt sich und das Bildungssystem war zu keiner Zeit frei von Benachteiligung, es wird nur in dem Maße schlimmer, je weiter der Alltag der Lehrer sich von demjenigen der Schüler entfernt.
Ist es denn zu viel verlangt, dass Lehrer der Aufgabe gerecht werden, für die man sie eingestellt hat? Diese bedeutet, Wissen zu vermitteln. Wenn es bei der Vermittlung Schwierigkeiten gibt, dann wollen Lehrer wie Möller einen Freifahrschein und wälzen ihre Verantwortung auf das System und die Opfer des Systems ab. Dafür bezahlen wir diese dekadenten Prototypen auch noch?
Es gibt noch viele weitere Kontexte, in denen bildung und Wissen vermittelt wird. Sei es im Nachhilfeunterricht, sei es im Fremdsprachenunterricht, sei es in der freien Wirtschaft, in der für teuer Geld Kurse für Spezialwissen angeboten werden. Ein Chef, der seinen Mitarbeitern in einer Schulung SAP beibringen lässt, der wird sich sicherlich auch fragen, ob er dem Kursleiter beim nächsten Mal noch einen Auftrag gibt, wenn die Durchfallquote so hoch ausfällt. Die Durchfallquote im richtigen Leben wird aber immer größer und größer, auch weil es dort draußen immer mehr Möllers und Buschkowskys und Sarazzins gibt, die ihren eigenen Maßstab an das Leben anderer Leute anlegen und sie danach bewerten.
Bildungssystem, Books, Buch, Isch geh Schulhof, Philipp Möller
Und wie ist deine Meinung?
Ich vermute, sie haben entweder das Buch bewußt oder unbewußt falsch verstanden bzw., was ich für viel wahrscheinlicher halte, es nicht gelesen. Hier ein paar Beispiele als Beleg (leider ohne Seitenzahlen, da ich das Buch im Moment nicht zur Hand habe):
1.) “Die Schuld sucht der Bildungsbürger [Möller] allerdings bei den Kindern, anstatt sich selbst in die Verantwortung zu nehmen.”
Schon auf den ersten paar Seiten des Buches fällt auf, dass Herr Möller im Gegensatz zu den anderen beiden von Ihnen genannten Buchautoren eben genau dies nicht tut. Dies wird an vielen Stellen im Buch latent und an einigen Stellen ganz explizit deutlich.
2.) “…während Problemkinder an Schulen meist aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund stammen sollen, ist das nicht die ganze Wahrheit.”
Stimmt genau und steht so auch im Buch.
3.) “Studien und Experimente zeigen seit Jahrzehnten, dass der kulturelle Hintergrund eine Rolle bei der Bewertung spielt…”
Stimmt und diese sind im Buch erwähnt.
4.) “Tatsächlich aber kann jeder Lehrer sich an die eigene Nase fassen oder sollte zugeben, dass er für den Beruf nicht geeignet ist und versagt hat.”
Keine Sorge, die Lehrer, die Lehrerausbildung (welche jede Menge für den Job ungeeignetes Personal “erzeugt”) sowie die Bildungspolitik (welche geeignetes Personal nach wenigen Jahren demotiviert) bekommen an mehreren Stellen im Buch ihr Fett weg.
Ich finde es schon eigenartig, dass Sie ein Buch und dessen Autor so in die Kritik nehmen, obwohl sich Ihre Ansichten, denen ich zu großen Teilen zustimmen, so bzw. in ähnlicher Form in dem Buch wieder finden.
Puh, ne Menge “Nichts” für so viel Geschreibsel. Dann nehmen Sie doch einfach das Buch zur Hand, um der Welt zu zeigen, dass Herr Möller Gemeinplätze diskutiert, statt selbst die Ärmel hochzukrempeln und dem Bildungssystem zu helfen. Ein Buch schreiben, ja das können die Ghostwriter von Bettina Wulff und Co. auch. Nur das macht noch keinen Unterschied aus. Dieser Popanz läuft halt nur vor den Problemen davon und versucht Geld zu verdienen mit einem Thema, das vielen Leuten nur allzu gerne unter den Fingern brennt. Und ich falle sicher nicht darauf rein.
Ich würde mir wünschen, bevor Sie antworten, falls Sie antworten, dass Sie nicht erneut wieder ohne echte Argumente ankommen. “Das wird im Buch erklärt”, und “das auch”, und “das aber auch”. Wie und wo hätten Sie vielleicht angeben sollen, damit dies nicht am Ende nur ein lächerlicher Versuch einer Verteidigung wird.
Sie können mir glauben, dass ich sowohl solche Lehrer kenne als auch die anderen. Und Sie fangen ja jetzt wieder genauso an. Das Bildungssystem wird von uns gemacht. Studenten und Professoren reden darüber wie schlecht es ist, statt bessere Studenten und Professoren zu sein. Schüler und Lehrer reden darüber wie schlecht es ist, statt selbst den Spaß am Lernen zu lehren und zu pflegen. Weil selbst das schlechteste System wird nicht besser, wenn alle Leute die Verantwortung immer nur abschieben und Dienst nach Vorschrift machen. Lassen Sie doch die Leute am besten noch demonstrieren und Unterricht ausfallen. Das ominöse “System” besteht aus uns allen. Wenn der Großteil eine LMAA-Haltung hat, dann ist es mir auch egal, wenn die Möllers und Buschkowskys das Heulen anfangen – beide haben Mitschuld an der Misere. Nur die wenigsten sind bereit, sich das einzugestehen.
Also ich bin selber Lehrer und habe sogar Ahnung von It.
Ich denke ich entspreche Ihrern (!sic) Anforderungen an Lehrer. Besonders interessiert sind meine Kinder an den Fächern Abziehen, Respekt verschaffen und verschiedene Kampfsportvarianten. Ich weiss (!sic) genau das (!sic) dies dem Alltag der Kinder entspicht und glauben Sie mir diese Dinge können sie jeden Tag gebrauchen. Aber auch auf Ihre (!sic) Zukunft werden Sie (!sic) vorbereitet, in erster Linie natürlich Das (!sic) Ausfüllen der Hartz Anträge. Ebenfalls wichtig Schwarzarbeit und, da ich mit (!sic) IT so gut auskenne (!sic) verschiedene Betrugsvarianten über das Internet.
Sie sehen also wir Lehrer sind näher an den Kindern als Sie denken! Warum auch sollte man versuchen die Kinder fit für den Arbeitsmarkt zu bekommen, ist das etwa die Lebenswelt der Kinder.
Sie haben doch weder das Buch gelesen noch sonstige Erfahrungen mit dem Bildungssystem. Achso Sie waren selber einmal aud (!sic) einer Schule, na dann sind sie (!sic) natürlich qualifiziert für solche Aussagen. Glauben Sie mir aus eigener Erfahrung (!sic) sie (!sic) haben vermutlich ein Bild der Schule aus Ihrer Schulzeit – aber keine Ahnung vom Unterricht an Brennpunktschulen, da geht es nur um basalste Wissensgrundlagen und Werte unserer Gesellschaft (!sic) und die sollte man wohl wirklich jedem beibringen.. (!sic)
Natürlich habe ich keine Ahnung. Entschuldigen Sie, wie konnte ich mir einbilden, ein Urteil über ein Bildungssystem zu fällen. Sie sind auch mit Totschlagargumenten gewappnet. Meine Lebensgefährtin hat Lehramt studiert, meine Ex-Freundin ist Lehrerin im Referendariat, ihre Eltern sind Direktor an einer Grundschule und oooooh Gott, Lehrerin an einer Hauptschule. Sie müssen nicht versuchen Dinge, die Ihnen nicht in den Kram passen abzuurteilen.
Ich habe mehr Erfahrung mit dem Bildungssystem als Ihnen lieb ist, weil ich über mein eigenes Studium ebenfalls die Hintergründe und Zusammenhänge kennengelernt habe und nicht wie unsere Bildungsministerin beim Schreiben meiner Hausarbeiten plagiierte. Werden Sie erwachsen und akzeptieren anderer Leute Meinungen, auch wenn sie Ihnen nicht gefallen. Punkt.
Ach, und um dem Erfahrungsschatz noch den Zuckerguss zu verteilen. Ich habe Zivildienst in einer Drogen- und Suchtklinik gemacht und dort neben dem Studium fünf Jahre gearbeitet in der Pflege. Ich habe also durchaus Erfahrung mit Problemkonstellationen. Über ein angekratztes Selbstbewusstsein wie Ihres kann ich dann leider nur müde lächeln.
Nebenbei bemerkt, ich habe die Freiheit besessen Ihren Kommentar an den Stellen zu kennzeichnen, an denen entweder Ihr technisches Gerät Sie hat Fehler machen lassen (unabsichtlich), oder Sie eventuell zu aufgeregt waren, weil Sie sich in Ihrer Ehre gekränkt sehen. Oder aber bei der Orthographie und Zeichensetzung sollten Sie noch einmal die Schulbank drücken. Nur na ja, welche Ansprüche kann man schon an Lehrer stellen – ich bitte Sie, da bin ich doch ganz bei Ihnen. Machen Sie nur so weiter.
Ihrer Antwort “Und ich falle sicher nicht darauf rein.” entnehme ich, dass Sie das Buch tatsächlich nicht gelesen haben. Sie maßen sich trotzdem an, über Inhalt und Autor zu urteilen. Den Hinweis, dass Sie dieses Buch damit fälschlicherweise in eine Schublade mit Sarazzin und Co. stecken, kontern Sie mit einer schon religös anmutenden Umkehr der Beweislast und in Ihrem letzten Absatz tragen Sie wieder Positionen vor, die weder denen des Autors noch meinen eigenen widersprechen. Dazu fällt mir dann auch nichts mehr ein außer einem abschließenden Zitat aus einer Rezension dessen Verfasser das Buch wenigstens gelesen hat:
“Je länger ich in dem Buch las, desto weniger konnte ich über die Nichtbildung der kindlichen Protagonisten lachen. Irgendwann entwickelte ich Mitleid mit ihnen, die später dann in Wut umschlug. Wut auf eine reiche Gesellschaft, die einem großen Teil der eigenen Kinder die Teilhabe an der Gesellschaft und an der Zukunft verweigert. Nicht die Betroffenen sind ungebildet: Eine Gesellschaft ist es, die dies zulässt.”
Quelle: http://hpd.de/node/14072
@Otacon: Jeder von uns ist Teil dieser Gesellschaft. Das Bildungssystem ist nicht ominös, sondern besteht aus vielen einzelnen Puzzle-Steinen. Aber da eine ganze Generation nur gerne Lehrer werden wollte, weil das ein angesehener Beruf war, mit einem ordentlichen Auskommen, und man sich auf den Lorbeeren ausgeruht hat, wurde der Graben zwischen diesem Elfenbeinturm der Neuzeit und den Voraussetzungen der Schüler nur immer größer. Anfangs waren die Schüler einfach ungezogen, heute verweigert man ihnen dann am besten gleich die Lehre? Die Vorbilder der jetzigen Möllers haben ihre Kinder in einer Blase aufgezogen. In der Lehrerausbildung wollen die vermeintlich weniger intellektuellen gerne an die Grundschule, weil sie glauben, man muss nicht so viel studieren und die kleinen Kinder wären alle brav und lieb, und sind dann erstaunt, wenn man Mathematik pauken muss, um an der Grundschule unterrichten zu dürfen, und wenn es ungezogene Kinder gibt. Und die anderen wollen dann am liebsten nur ans Gymnasium, weil ja die “Verrohung” und der “Verfall” nicht mehr nur an den Hauptschulen lauern, sondern auch an der Gesamtschule.
Ich habe selbst studiert und viele meiner Kommilitonen sind Lehrer geworden und ich habe deren Gespräche belauscht und in meinem Umfeld gibt es weitere aktive Lehrer und auch schon ausgeschiedene. In meinem Studium habe ich mich mit dem Bildungssystem eingehend beschäftigt und auch mit sozialer Ungleichheit und deren Mechanismen. NUR: Diese Einstellung zur Bildung muss man anpassen, wenn man auf einen grünen Zweig kommen möchte. Dass sich der relative Wohlstand und die IKEA-Möbel-Wohnzimmer der einen nicht mit dem Prekariat und dem Habitus der anderen vertragen konnte man in Gesellschaftsdiagnosen der 70er Jahre schon nachlesen.
Das Buch von Möller ist kein Meilenstein, sondern nur Retorte. Als vordergründig intelligentere Menschen sind “wir” (ich beziehe mich da mit ein) dafür verantwortlich, dass die anderen was lernen. Wenn die Leute heute nicht die Geduld haben und es zu schwierig finden, mit “Problemkindern” umzugehen, dann sollten diese Leute den Beruf wechseln. “Diese” Schüler sind Schüler und haben es nicht verdient, dass dort super viele Leute vor der Situation kapitulieren, Bücher schreiben und Urteile über die Köpfe anderer hinweg fällen. Man muss ihnen was beibringen. Wenn einem nicht einfällt, wie man das schafft – so ein Kollegium ist ja zum Glück immer nur aus einer Person rekrutiert. Lamentieren können sie alle: Darüber wie schlimm es doch ist, darüber was alles schief läuft, darüber wer Schuld hat… das kann man doch als Altpapier in die Öfen stecken. Respekt verdienen sich diejenigen, die “selbst denken” und versuchen, die Misere besser zu machen, die Ärmel hochkrempeln, und sich auch auf die Umstände einlassen. Ich kenne einen Berufsschullehrer, der hat aus freien Stücken als Deutscher Türkisch gelernt, weil er der Auffassung ist, dass es ihm weiterhilft, seiner Aufgabe als Lehrer gerechter zu werden.
Mit den Gemeinplätzen von Möller, mit der situativen Beschreibung “einer” Schule, an der er für 2 Jahre unterrichtet hat – macht man die Stimmung nur noch miser, heizt man die Leute nur noch mehr an. Alle Dinge, die in diesem Buch stehen, sind nicht neu… und jemand wie Möller, der dann noch Kasse mit der Misere machen möchte und offen zugibt, dass er damit überfordert war – warum sollte man da bessere Worte für ihn finden?
Alleine das Inhaltsverzeichnis macht sich doch über den Gebrauch der Sprache von den Kindern lustig. Sprache ist auch ein kulturelles Unterscheidungsmerkmal. Manche Generationen und manche Schichten “distinguieren” sich absichtlich darüber. Die Internet-Generation benutzt #LOL und #ROFL sogar oraliter im Alltag und wird dafür von manchen schief angeguckt. Na und? Ist das ein Problem für sie? Wenn ja, drehen Sie sich im Kreis. Wenn nein, warum ist dann “Isch hab mit Flugzeug gegeht?” ein Problem für Sie? Leute, die die Zusammenhänge nicht verstehen, tun immer so, als wäre diese Verwendung total falsch. Aus dem Land, aus dem die Person stammt, bzw. deren Eltern, nutzt man wahrscheinlich “mit einem Flugzeug gehen”. Ich schätze, es könnte jemand mit rumänischem Hintergrund sein, deren Muttersprache zu den romanischen gehört. Ein Franzose würde sagen “mit dem Flugzeug gehen” (aller en avion). Ein Brite würde sagen “mit dem Auto” (in the car) aber gleichzeitig auch “auf dem Bus” (on the bus). Glauben sie, man würde diesen Leuten oder deren Kindern das vorwerfen? Ich glaube nicht.
Sie würden jedenfalls mir doch auch nicht zuhören, wenn ich sie ständig durch den Kakao ziehen würde. Seit Jahrzehnten propagieren Sprachschützer den Verfall der dt. Sprache, stattdessen gibt es keine Belege dafür, dass die Jugendsprache, zu der es schon in den 1980ern eigene Wörterbücher gab, und die manche Leute auch damals schon schlimm fanden, dafür gesorgt hat, dass in Deutschland alles total daneben ist. Ich habe in meinem Berufsleben auch Software lokalisiert. Microsoft ist ein großes Unternehmen, das gibt für solche Zwecke auch Whitepaper heraus mit Informationen, wie man es machen sollte. Wissen Sie was? Der Duden sagt “ich habe downgeloadet” – und Microsoft in all seinen Windows-Programmen schreibt aber “gedownloadet” und alle Übersetzer müssen diese Formulierung verwenden. Unerhört, oder? Diese subversive Kraft, die unsere Gesellschaft unterläuft. Was bilden sich diese Leute aus Redmond eigentlich ein. Der Junge oder das Mädchen, das “Isch habe mit Flugzeug gegeht” gesagt hat, hat sprachlich durchaus vieles richtig gemacht. Wenn man wüsste, wie es zu dem gemischten Kauderwelsch gekommen ist, dass ja bei uns Intellektuellen – hören Sie, wir haben auch so eine Sprache, sie nennt sich Denglisch – also bei uns ist das okay, aber einem anderen Kulturkreis wirft man dann Versagen vor? Phänomenal.
Die Einleitung zu seinem Buch ist großes Kino, lieber Otacon, und zeugt nur davon, dass “die Werte” von Herrn Möller sich nicht in denjenigen der Schüler widerspiegeln, die er zu betreuen hatte. – Leute die mit ihrem Handy am Ohr rumlaufen und in der Öffentlichkeit auch nicht damit aufhören, weil sich andere vielleicht gestört fühlen könnten? Oh Gott wie schlimm. Aber ja, Herr Möller skizziert sich als “unfreiwilligen Zuschauer” solcher Szenen, bringt damit zum Ausdruck, dass er das gerne lieber anders hätte. Dass die Leute lieber nicht mit dem Handy am Ohr rumlaufen, und alle artig guten Tag sagen. Das Handy der Generation von heute war der Game Boy der Generation davor. Nur mit dem Game Boy konnte man nicht sprechen. Dafür haben sich auch Leute daran gestört, wenn die Tetris-Melodie in der Bahn zu laut wurde. Und ein offenbar jugendlicher Macho steigt also in die U-Bahn ein und guckt einer Blondine “unverschämt ins Dekolletè”. Das mein lieber Otacon ist ein Werturteil, das überhaupt keine Substanz hat. Denn letztlich entscheidet die Blondine, wie sie das findet. Und was hat denn das Bildungssystem damit zu tun, dass jemand ein Macho ist? Dieses Persönlichkeitsmerkmal kann man auch akzeptieren, denn unter den Kaisern und Königen gab es genauso Machos. Nur die durften es sein? Das ist deutlich zu arrogant. Wissen Sie wie vielen “Weibern” der letzte Kaiser in den Ausschnitt geblickt hat? Glauben Sie nicht auch, dass Theodor Fontane versucht hat, subtil Gesellschaftskritik zu üben? Eine Figur wie Effi Briest werden sie heute auch in unserer Gesellschaft finden, nur eben eine Effi mit anderen Attributen, derer sich sie “schuldig” gemacht hat.
Sich ein Bild einer Gesellschaft zurecht zu legen und alles, was nicht so funktioniert dann als böse und schlecht abzuurteilen ist nur Zeugnis für mangelndes Anpassungsvermögen. Diese Veränderungen sind persistenter Natur, es gab sie immer, es wird sie immer geben. Leute die mit dem Fortschritt nicht mithalten können und die aber auch mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht auskommen, die werden in jeder Gesellschaft ein Problem bekommen. Wir müssen gucken, dass ein Außenseiter wie Herr Möller nicht zum Meinungsführer wird, weil dann wird es erst recht problematisch.
@Otacon: Nebenbei bemerkt, Mitleid und Wut sind zwei sehr egoistische Emotionen, die niemandem jemals geholfen haben. Ich bin also nicht wirklich begeistert von dem “Zitat” aus einer “Rezension” eines Kritikers “über” das Buch. Erst machen Sie ein Fass auf, dass angeblich in dem Buch tolle Dinge stehen sollen, dann zitieren Sie eine Rezension? Besuchen Sie doch Amazon, da kann man sogar das erste Kapitel des Buches ansehen, wenn Sie schon so tun wollen als hätten Sie es gelesen. Dann könnten Sie aus einem Bastei-Lübbe-Krimi zitieren.
Führen Sie sich doch noch diese Zitate aus dem Buch von Möller zu Gemüte:
Was ist denn bitteschön eine Proleten-Uhr? Ist das die Porno-Brille der 90er? Die hatte unser Biologie-Lehrer trotz absolviertem Hochschulstudiums in der Schule ebenfalls. “Schneeweiße Markenturnschuhe”… – ist da etwa ein Pädagoge eifersüchtig, dass er solche Schuhe nicht tragen kann? Was zum Henker haben denn die Uhr oder der Schmuck von diesem U-Bahn-Jungen mit dem Bildungssystem zu tun? Philipp Möller presst doch die ganze Realität in seine Schublade und hört bei den unschuldigen Grundschulkindern auch nicht damit auf. Glauben Sie, jemandem, der so eine Perspektive schildert, kann man auch nur zutrauen, überhaupt eine objektivierte Sicht der Dinge zu formulieren? Wir brauchen keinen Bildungskrimi à la Bastei-Lübbe. Dieser Schmöker ist Sprengstoff für diejenigen, die die ganzen Zusammenhänge überhaupt nicht verstehen. Toll dass man so jemanden dann dafür ausgebildet hat zum Pädagogen, damit er solche Gedanken formuliert.
Als Prototyp der Dekadenz kann ich nach all dem eingebildeten und langweiligen Gelaber wirlkich nur Sie bezeichnen. Sie wissen alles, ganz klar. Eigentlich könnten Sie selber Lehrer sein inmeiner gymnasialen Ausbildung habe ich einige wie Sie kennengelernt die haben auch gerne Bewertet und waren der Meinung sie seien der Höhepunkt der Evulution. Danke füe die Korrekturen Herr Lehrer – lustig das in der heutigen Gesellschaft dieses Wort auch schon als Schimpfwort verwendet werden kann.
Ich hätte da noch Fehler in Ihrem Text entdeckt, biite kennzeichnen Sie diese doch auch bitte.
@Paul: Entschuldigen Sie, dass ein Herr Möller dann offenbar Sie gemeint hat und für das Versagen der Kinder verantwortlich macht. Denn wenn Sie selbst schon als Gymnasiallehrer nicht schreiben können, wie wollen Sie es dann den Kindern beibringen, geschweige denn es von Ihnen einfordern. Es freut mich jedenfalls, dass Sie dann nun zum letzten Mal kommentiert haben werden.