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News: 12. Dezember 2012,

Mythos Battletroll oder wenn Akademiker konstruieren

Der Mythos Battletroll Der Mythos Battletroll

Zwei Akademiker von der Goethe Universität in Frankfurt schicken sich an, um derzeit in aller Munde zu sein mit ihrer These vom Battletroll. In der Blogosphäre werden sie gehört. Allein mir fehlt der Glaube. Vorab möchte ich mich schon einmal bei meinen Lesern für meinen Wortschatz entschuldigen. Manchmal muss man einfach verwickelt formulieren, möchte man jemanden einwickeln.

Ende November war es eine Studie über Filesharing, die künstlich einen Zusammenhang herstellen wollte zwischen dem Rückgang der Einnahmen an Kinokassen und dem Raubkopier-Verhalten von Nutzern, aus toten Daten, die noch dazu relativ wenig valide sind. Ein Modethema. Nun sind es Analysen von Dokumenten zur Sicherheitspolitik von 5 Staaten, die belegen sollen, dass ebendiese Staaten sich was einfallen lassen, damit das Volk immer noch glaubt, es bräuchte sie.

Es gibt so ewig viele Gründe, schon jetzt, noch ohne überhaupt näher ins Detail gegangen zu sein, warum das nicht zutreffen muss. Tatsächlich könnte man schon mit der Frage “Was machen denn die anderen?” das ganze Plausibilitäts-Konstrukt von Ben Kamis und Thorsten Thiel in sich zusammenbrechen lassen.

Fragestellung

Die beiden Akademiker nehmen an, dass es Staaten zunehmend schwerer fällt, ihren Hoheitsanspruch zu begründen vor ihrem Volk, weil unsere Welt eine digitale geworden ist, und das Internet aus Kabeln und Bits und Bytes besteht, und keine offenkundige Bedrohung darstellt. Also muss man sich etwas einfallen lassen.
Die Hypothese ist, dass Staaten den “Battletroll” im Internet mimen. Sie hausieren mit der Idee vom Cyberwar, vor dem natürlich alle Angst haben?

Mal ernsthaft, welcher Leser der BILD-Zeitung hat Angst vorm Cyberwar? Welcher Smartphone-Prolet, der sich mit drei Handyverträgen gleichzeitig verschuldet, ist in der Lage zu verstehen, dass das Geld, das er sowieso nicht hat, von irgendwelchen Cyberkriminellen gemopst werden könnte? Die Gefahr kommt aus dem Fibre-Space, so höchstens könnte die Wahrnehmung ganz akut ausfallen, aber nicht weil Politiker, sondern Medienschaffende, Verleger uns das Glauben machen wollen. Google torpediert das Urheberrecht? Ach Moment… wir schweifen ab. Ja, warum? Weil solche “realen” Diskussionen im Internet sehr virulent sind derzeit (Leistungsschutzrecht). Aber Politiker, die mir Angst machen vor der Virtualität?

Ich glaube nicht daran, dass Sicherheitsdokumente der Staaten USA, Estland, Ungarn, Deutschland oder Australien in der öffentlichen Wahrnehmung eine Rolle spielen. Kennt irgendjemand einen Satz aus diesen Papieren? Ernsthaft! Diese fünf Staaten wurden aber deshalb von Kamis und Thiel ausgewählt, weil sie in irgendeinem obskuren “Freedom on the Net”-Bericht als diejenigen auserkoren wurden, in denen es am wenigsten digitale Zensur gibt, wenn es um das Thema Freiheit oder Kampf für die Freiheit ging. Wir alle wissen, dass Freiheit ein sehr vielschichtiger Begriff ist und jeder so seine eigenen Vorstellungen davon hat. Guantanamo muss ein Hort der Glückseligkeit für Freiheitskämpfer sein. Ich hab’s im Urin. Dass Amerika unter den Top 5 auftaucht, und keine Illuminaten spontan einen Zusammenhang erfinden wollen, da die Organisation, die diesen “Freedom on the Net”-Bericht herausgibt, seine Wurzeln in den USA hat, wundert mich.

Äpfel und Birnen

Doch kommen wir zum “Eingemachten”. ;) Kamis und Thiel “beschweren” sich latent öffentlich, dass die Dokumente, die sie untersuchen wollten oder schon haben, nicht immer in deutscher oder englischer Sprache vorlagen. Ja was haben die denn erwartet? Und vor allem, was hilft es denn den Ungarn, wenn es solche Dokumente in englischer Sprache gäbe in ihrem Land? Was würde es den Esten helfen? Nichts. Richtig. Es ist peinlich, dass jemand erst einen Doktortitel erwerben musste, damit er öffentlich über niederste akademische Hürden stolpern kann. Die Goethe Universität kann stolz sein auf zwei Homines Academicus (langes Plural-u), die den (nicht vorhandenen) Wert der akademischen Ausbildung zur Schau stellen. Wenn man, abgesehen von dem hier zur Schau gestellten Selbstzweck, einen validen Vergleich anstellen möchte, dann muss man sich vergleichbare Objekte suchen.

Wenn doch die Frage lautet, wie Regierungen “ihre” Bevölkerung drangsalieren in der Digitalität, dann muss man doch die Muttersprache analysieren. Wenn man das nicht kann, weil man nur Englisch und Deutsch spricht, dann sollte man halt kleinere Brötchen backen und keine Zusammenhänge künstlich konstruieren.
Aber Kamis und Thiel haben ihre Thesen natürlich auf dem HIIG Kolloquium in Berlin vorgestellt und die Leute waren “angetan”.

Plausibilität !== Wahrheit

Damals warnten die beiden noch davor, dass sie ihre Fragestellung, die bislang nur plausibel war, auf die Möglichkeit abklopfen wollten, ob sie ernsthafte Ergebnisse erzeugen kann. Da sich dann jemand überzeugt zeigte, ließ man die Skepsis sinken? Achso, ich vergaß. Gebildete Leute sind überzeugt, wenn etwas plausibel erklärt wird. Natürlich, wie konnte ich das vergessen. Dieser “Fehler” ist systemimmanent und ich habe ihn während meines Hochschulstudiums entdeckt, nicht als erster. Je länger ich studierte, desto angewiederter war ich von den vielen “Wasserkochern” und “Plausibilitätskeulen”, aus deren Aktivität am Ende solche Kriminologen des Typs Professor Pfeiffer produziert werden.

Deutschland sei besonders schlimm, wenn es um den sprachlichen Duktus geht. Also sind wir Deutschen nach Ben Kamis und Thorsten Thiel besonders schutzbedürftig, oder zumindest will uns unser Staat das weismachen. In irgendwelchen Texten, liegt der Beweis für diese Hypothese verschlüsselt. Texte, die in der öffentlichen Wahrnehmung absolut keine Rolle spielen, weil niemand sie kennt, oder vielleicht 1038 Leute irgendwann angeklicht, und 23 auch gelesen haben. Wegen dieser Pamphlete fühlen sich selbstredend 80+ Millionen Bundesbürger in der Not, sich von ihrem Staat schützen zu lassen, wenn es um den virtuellen Blitzkrieg geht.

Hat denen noch keiner was von Zensursula erzählt? Doch lustigerweise gab es erst in dieser Woche Berichte aus der Alpenrepublik Österreich, dass die Politiker dort die Vorratsdatenspeicherung demnächst ausweiten wollen, ohne den Bürger mit einzubeziehen. In Deutschland war ja speziell dieser Kaffee in der Legislaturperiode irgendwann lauwarm in die Ecke gestellt worden und wenn ich also die Situation vergleiche, dann hätten ja die Österreicher ihr Volk noch eher durch Vokabeln wie Cyberwar auf ihre Schutzbedürftigkeit vorbereiten müssen. Doof nur, dass Kamis und Thiel das durchgegangen ist. Sie haben ihre Medaille nicht gewendet, sondern sich von ihr blenden lassen.

Wenn die Goethe Universität wissen möchte, was es mit dem Kriegs- und Militärvokabular im Internet auf sich hat, sollte man nach den Ursprüngen gucken. Politiker sind oft die letzten, die sich etwas ausdenken, sondern oft nur Begriffe verwenden, die ihnen gerade treffend erscheinen. Und bevor Kamis und Thiel zu viele Ressourcen verschwenden, sollten sie entsprechend Etymologie betreiben, damit sie einordnen können, ob ihre reflexartigen Behauptungen überhaupt weiter betrachtet werden können. Wenn die Goethe Universität wissen möchte, was die Deutschen, Esten, Ungarn, Amerikaner und Australier bewegt hat, dann sollten sie sich an Twitter, Facebook und Google halten. Dort werden sie finden, dass Cyberwar sowas von keine Rolle gespielt hat. Beispielsweise stinkt der Cyberwar in 2012 in den USA sowas von ab gegen League of Legends.

Aber es ist immer dasselbe, sie müssen etwas konstruieren. Akademiker stehen unter dem ständigen Druck, ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen, weil sonst gibt es keine Kohle und das ganze schöne Studium hat sich nicht gelohnt, weil man dann mit Löhnen vorlieb nehmen müsste, die auch Otto Normal angeboten werden. Und also strebt man nach den Töpfen voll Geld und die ergattert man besonders oft, wenn man sich einen Namen macht, selbst wenn es nur bedeutet, dass man immer nur nach Trendthemen strebt, und aber gar keine Ahnung hat, wie man sein Schaffen eigentlich “tatsächlich” begründen kann. Dass man die Dinge plausibel vorträgt, geschenkt, solange es niemand durchschaut.
Politiker, die gewählt werden wollen, sind auch rhetorisch bewandert, das ist kein Alleinstellungsmerkmal.
Akademiker sind nur so erfolgreich im Tradieren ihres Systems, weil sie sich über die Sprache gegen uns andere abschotten. Man muss Dinge nur kompliziert genug ausdrücken, in irgendwelchen verklausulierten Vokabeln, damit andere glauben, es hörte sich toll an. Willkommen im akademischen Zirkus. Studie A sagt: Foo. Studie B: bar. Und wir dürfen uns einen Reim drauf machen. Nichts anderes ist das akademische Feld nach dem Ende der “kritischen Wissenschaft” geworden. Angehörige eines Elfenbeinturms versuchen uns etwas vorzumachen, damit sie wer sind. Fangen wir an, ihre Tricks zu erklären, dann versuchen sie uns bestimmt bald mundtot zu machen, weil sie Angst haben, es würde auffallen, was sie dort veranstalten. Ich bin beeindruckt. #nicht

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