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Kommentar: 17. Dezember 2012,

Amoklauf in Newtown: Statt Killerspielen nun vermeintlicher Asperger-Autist Schuld

Es ist tragikomisch – im literaturwissenschaftlichen Sinn -, weil nach dem jüngsten Amoklauf in Newtown, in den USA, bei dem Dutzende kleine Kinder und einige Lehrer gestorben sind, endlich mal nicht die Diskussion um Ego-Shooter, Killerspiele und die Verrohung der Gesellschaft durch Videospiele geführt wird. Doch einer muss es ja Schuld sein, und entsprechend wurde auf der Suche nach Schuldigen nicht der Waffen-Fetisch in Frage gestellt, sondern aktuell Autisten in eine Ecke, in die sie nicht gehören.

Autisten nicht böse, Medien sind es?

Medien und Journalisten haben eine Macht, auch einflussreiche Blogger und sogar Netzwerker, die einfach nur Meldungen vervielfältigen, haben Einfluss, ob sie davon wissen oder nicht. In Aachen warnte zuletzt die Polizei über eine Falschmeldung in einem Social Network, die gerüchteweise einen Polizeihubschrauber-Einsatz mit einem entflohenen Sexualstraftäter in Verbindung bringen wollte. Das war nicht der Fall und die Angst der Leute unnötig. Ebenso unnötig ist, dass nun ein Zusammenhang bei SpiegelOnline hergestellt wurde, zwischen dem Asperger-Syndrom, einer Ausprägung des Autismus und dem Amoklauf in Newtown. Vereinfacht formuliert wurde ein Zusammenhang hergestellt, den es nicht gibt, er wurde aber suggeriert, wie eine Journalistin im Autzeit-Blog in ihrem offenen Brief betont.

Blind für die Emotionen?

Der Artikel auf Spiegel Online ist überschrieben mit den Worten “Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer Menschen“. Schon damit fing die Suggestion an, schon über die Schlagzeile wurde Otto Normal Glauben gemacht, dass Autisten, und speziell solche mit Asperger-Syndrom keine Empathie hätten. Die Wahrheit ist, dass Autisten prima angepasst sind, und glücklicherweise ein stink normales Leben führen “können”. Emotionen können sie “verstehen”, mit dem Kopf, und nicht “aus dem Bauch heraus”. Wenn man dazu ein Beispiel aus dem Leben von Otto Normal finden möchte, dann ist es die Fähigkeit in die Tiefe sehen zu können. Es gibt super viele Menschen, deren Augen diese Aufgabe nur unzureichend für sie selbst erledigen. Diese Menschen wirken ein bisschen unbeholfen, weil sie Abstände nicht einschätzen können. Jedenfalls nicht “spontan”, aber sie können das lernen. Eine Freundin in der Schule hatte diese Schwäche, und trotzdem spielte sie prima Badminton, wo es nicht unerheblich ist, Abstände einzuhalten. Man muss den Kopf stärker trainieren, damit dieser genau weiß, wie stark der Arm den Schläger gegen den Ball schlagen muss. Was jetzt sehr differenziert klingt, ist im Alltag so nie erwähnt worden. Weil es einfach “passiert”. Die Leute passen sich ihrer Umgebung an. Und ich habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis noch mindestens drei andere Personen, denen von ihrem Augenarzt eine Schwäche beim Tiefensehen attestiert wurde. Damit man sich nicht immer am Bett stößt und wie Homer Simpson irgendwo vor läuft, lernt man Abstände eben “mit dem Kopf” einzuschätzen, und tut einen Schritt weniger, anstatt sich ewig oft zu stoßen. Das ist absolut nicht beschwerlich, sondern funktioniert quasi “on the fly”. Und genauso stelle ich es mir vor, wenn Autisten Gefühle und Emotionen “lernen”. Aber da können mir sicher einige der Leser weiterhelfen.

Da ich selbst mich nicht allzu gut über das Thema auskenne, sollten die Leser aber lieber die Lektüre andernorts fortsetzen. So setzt man sich auf quergedachtes mit den Stereotypen auseinander, Amy sondiert, dass es sich bei Asperger nicht um eine Persönlichkeitsstörung handelt, Hawkeye tut dies mit mehr Nachdruck.

Echauffiertheit

Zu Bedenken geben möchte ich bei der Thematik aber, dass Drama-Queen-Verhalten niemandem weiterhilft. Der Sache nicht und niemandem sonst. Ich lese einen offenen Brief, den ich zu 95% gut finde, aber in ihm eine Pikiertheit über die Medien herauslese, dass man ja den Spiegel als Qualitätsmedium wahrnimmt, und es deshalb nicht nachvollziehbar sei, warum da in diesem Artikel geschlampt würde.
Dazu passt prima, wenn behauptet wird, der Spiegel sei einem in der Schule schon als Qualitätmedium angepriesen worden. Ich will nicht wissen, in welchem Bundesland so etwas behauptet wird, wie alt die Leute sein müssen, die so etwas artikulieren. Ich weiß aber sehr wohl: Solche Behauptungen gehen genauso an der Realität vorbei wie die vermeintlichen Fakten in dem SpOn-Artikel. Tagtäglich gibt es Blogs, die falsche Fakten aus SpOn, Bild, FAZ, Welt usf. zutage fördern. Es gibt genug Watchblogs dort draußen, seit “Jahren”, die auf ein Problem hinweisen, was es schon mehrere Jahrzehnte gibt.
Uwe Hauck vergleicht den Beitrag auf SpOn mit einem Niveau, das er von einem “Müllblatt mit vier Buchstaben” erwartet hätte. Ich frage mich, wenn ich so etwas lese, ob ich in einer Parallelwelt hause? Meines Erachtens nach gibt es keine Qualitätsmedien, höchstens einzelne qualitativ hochwertige Beiträge. Alle Medienschaffenden sind Menschen und machen Fehler und wegen der Umstände des Business auf Seiten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen, ist es so, wie es ist. D. h. nicht, dass das gut ist, nur das heißt, dass dies vielmehr ein Status Quo als ein Novum ist.

Ich halte es da eher mit der Meinung von creezy, die trotz der SpOn-Artikels die Möglichkeit erkennt, nun mit Vorurteilen aufräumen zu können und die Öffentlichkeit und die Aufmerksamkeit zu kanalisieren und zu bündeln und die Leute zu bilden. Oder mit der Meinung von Daniela, die für Aufklärung plädiert. Für Themen, von denen sie vorher keine Kenntnis hatten.
Regt euch nicht künstlich über die Medien auf, sondern nutzt den Raum, euch Gehör zu verschaffen. Es ist immerhin in eurem Sinne.

P.S.: Schade ist auch ein Beitrag in einem US-Baptistenforum, in dem Autisten als Gesandte des Teufels gebrandmarkt werden. Diese Information habe ich erst von Sabine erfahren. Nur auch an dieser Stelle muss ich sagen, dass das nicht besorgniserregend ist, sondern in den USA Usus. Es gibt dort sehr viele sehr radikale Glaubensgemeinschaften, die recht holzschnittartig und wenig argumentativ Vorurteile schüren. Das ist nicht toll, aber gehört zu Amerikas Seele mit dazu, ob es die Amerikaner hören wollen oder nicht. Genauso wie deren Waffenverliebtheit. Wusstet ihr, dass in der Schweiz jeder, der beim Militärdienst war, nach seinem Dienst eine Waffe mit nach Hause bekommt? Man muss nicht immer irgendwo anders hingucken, sondern kann auch vor der eigenen Haustür etwas finden, wenn man nur lange genug sucht.

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