10. December 2009

Lernen, eine Meinung haben zu dürfen

Es gibt freilich viele Diskussionen dort draußen. So welche über Medienkompetenz und deren Vermittlung. Aber auch so welche über Zivilcourage und wie man sie lebt. Vielleicht hat das, was ich hier formulieren möchte, ein bisschen mit letzterem zu tun und darüber hinaus auch mit anderen Dingen.

Zuletzt bin ich in einem Kommentar für ein Magazin, für das ich schreibe, übel angegangen worden, weil meine im Text artikulierte Meinung nicht der “eines” Lesers entsprach. Man kann in so einem Fall stillhalten, getreu dem Motto – don’t feed the trolls – aber man muss auch bereit sein, Flagge zu zeigen. Beleidigungen in dem Fall, müssen keine Demut meinerseits zur Folge haben. Nicht jeder muss ein Gandhi sein. Doch diese Situation erinnerte mich an eine andere, die mir vor Jahren begegnete und an viele, die mir immer wieder begegnen. Vor allem in “Systemen”, wo Auslese besonders wichtig ist, um das beste Ergebnis zu erzielen, hilft es wenig, wenn die Fehler nicht ernsthaft angesprochen werden. Doch dazu muss man lernen, so selbstbewusst (und eben nicht arrogant) zu werden, um seine Meinung zu artikulieren.

Vor Jahren erzählte mir der Direktor einer Grundschule, mit dem ich an einem Wochenende mal am Frühstückstisch saß, angeregt durch irgendeine Schlagzeile der Tageszeitung, wie es denn wirklich im Bildungssystem zugeht. Wenn man Referendare schlechter als mit einer Drei bewerten würde, so würde man indirekt mitverantwortlich sein, wenn diese später in unserer heutigen, hart umkämpften Arbeitswelt hinterher keinen Job kriegen würden. Er formulierte dies damals aktiv, sagte mir: Wir bewerten eh niemanden schlechter als Drei. Das können wir uns gar nicht erlauben, sonst finden die jungen Leute doch bei der vielen Konkurrenz am Ende gar keine Arbeit mehr. Das ist Mitleid an der falschen Stelle. Das ist aber auch eine Situation, in der der “unangenehmen” Wahrheit aus dem Weg gegangen wird. Man hätte hier glasklar seine Meinung formulieren können, hat es aber nicht getan.

Das Tragische an der Situation ist, es gibt sie immer wieder und eigentlich viel zu oft. Im Studium hatten wir in einem Oberseminar die Möglichkeit “Feedback” zu geben nach den Präsentationen der Kommilitonen. Diese Feedback-Runden waren meist nur selten von richtiger Kritik geprägt. Ein Zuhörer von Außen hätte den Eindruck haben können, dass bei den Präsentationen alle eine prima Leistung abgerufen hätten. Das Gegenteil war der Fall, eigentlich hat jeder Fehler gemacht und gleichzeitig hat jeder gedacht, er könne den anderen nicht bloßstellen – das gehört sich nicht. Ich finde: Das muss sich wieder gehören. Wir müssen lernen, eine Meinung haben zu dürfen, weil es wichtig ist, um eine Auslese treffen zu können. Mitleid in solchen Situationen wird auf Dauer unser aller Unglück. Weil wir so in Extremfällen selbst bei Dilletantismus noch ein Auge zu drücken.

Ein weiteres Beispiel, das ich erlebt habe und das auch in der Arbeitswelt so selten nicht anzutreffen ist. In der Psychosomatischen Klinik, in der ich meinen Zivildienst ableistete, gab es Team-Sitzungen, an denen regelmäßig, ein Mal im Monat ein Supervisor teilnahm. Dieser sollte Problemfelder in der gemeinsamen Arbeit aufdecken und nach Lösungen suchen. Viel zu tun hatte der Mann nie, das weiß ich. Ich weiß aber auch, weil es in persönlichen Gesprächen mit Therapeuten (Psychologen wie Pädagogen und andere Angestellte) immer unter der Hand angesprochen wurde, dass es da durchaus Konfliktpotenzial gab. Stellen, wo man sich rieb. Diese Reibungspunkte hätten schlimmstenfalls dafür gesorgt, dass die Betreuung nur suboptimal stattfand.

Und wenn schon erwachsene Leute ihre Meinung nur hinter vorgehaltener Hand äußern, dann wird sich an solchen Problemfeldern auch nichts verändern. Denken wir das Beispiel mit den Studis oder den Referendaren oder auch das mit den Therapeuten mal zu Ende. Im Bildungssystem hat das zur Folge, dass wir nicht leistungsgerecht bewerten. Ein Referendar, der ein Befriedigend verdient hat, und einer dem man eigentlich die Qualifikation für die Schule absprechen müsste, werden aber beide ins Bildungssystem entlassen und zwar mit derselben Note. Warum? Weil man sich nicht traute, seine Meinung zu sagen. Man muss es tun. Kommt nun irgendwann der Lehrer, den man eigentlich schon zur Referendarszeit hätte aussortieren können an eine Schule und unterrichtet. Was für Szenarien und Wildwüchse sind nicht alle denkbar – X kann während seiner Karriere als Lehrer die Psychologie von Tausenden von Schülern negativ beeinflussen, ihnen Bildung und Wissensvermittlung madig machen. Er kann aber auch ganz profan Schüler schlecht ausbilden. Die kommen dann an die Hochschule und erfahren dort, eventuell auch von Leuten, die man bereits früher hätte aussieben können, keine allzu sinnvolle Behandlung. Die schlimmste Folge ist ganz einfach auszumalen, wir tradieren “Dummheit”.1 Von einer Generation zur nächsten senken wir das Niveau.

In der Drogentherapie muss man sich dann die Frage stellen, ob man mit offenem Visier und kritikfähigem Personal nicht auch niedrigere Rückfallquoten erzeugen könnte. Oder ob man Sucht überhaupt aktiv behandeln kann in einem Umfeld, in dem nicht mal alle Beteiligten in der Lage sind, sich in die Augen zu gucken und zu sagen, was sie denken. Gefährlich wird es dann, wenn hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird und sich Seilschaften bilden. Das ist prominent im Leistungs-Teamsport zu beobachten – wenn dort keine Mannschaft auf dem Platz steht, sondern nur Individualisten, kann man nichts gewinnen.

Wir müssen lernen und lehren, dass Leute eine Meinung haben dürfen und wir müssen aber auch dringend lernen und lehren, wie man mit Kritik dann umgeht. Die erste und einfachste Reaktion ist freilich diejenige, es persönlich zu nehmen. Doch dies ist die schlechteste aller Interpretationsmöglichkeiten, weil man sich dann durch Emotionen den Blick auf die wichtigen Dinge verstellt. Und so klage ich mich hier auch an, dass ich zwar vielleicht nicht mehr lernen muss, meine Meinung zu sagen, wohl aber, mit der Meinung anderer umzugehen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass solche Situationen sanktioniert werden und dass “schlechte Stimmung” entsteht – also vermeidet man häufig die Kritik, damit man selbst nicht als der Buhmann ausgemacht wird. Doch Kritik ist wichtig, sie hilft uns Entscheidungen zu treffen und Dinge besser einzuordnen. Wir müssen lernen, die positiven Effekte von Kritik aufs Tapet zu zaubern, einfach damit wir dieses sinnvolle Instrument nutzen, um unserer Gesellschaft positiv zu verändern. Kritisieren wir wieder mehr und lassen uns kritisieren.

  1. Ich wollte nur ein Wort finden, mit dem jeder etwas anfangen kann. Ich bin aber nicht der Auffassung, dass jeder dumm ist, der eine entsprechende Leistung nicht abgeliefert hat. []

Hinzufügen zu: Technorati, del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags , , , ,
Kategorie Glocal, Media, Politics, Science · Autor · Keine Kommentare



13.11.09 · · 1

In Resident Evil wird auf ToFu geschossen


11.11.09 · · 0

Berliner Antiquar K. beleidigt Leute


16.10.09 · · 3

Doppelmoral?! – MyToys und seine Regularien für Affiliates


15.10.09 · · 0

Ist die FDP derzeit die bessere SPD?!


26.08.09 · · 0

Killerspiele Top 10 am iPhone?


24.08.09 · · 0

Warum Managergehälter zum Untergang führen und Mindestlohn eine Produktivitätssteigerung bedeuten kann


11.08.09 · · 0

Piraten: Wahlwerbung, und wie sie aussehen kann


18.07.09 · · 0

Sajonara im Juni 2009


28.06.09 · · 0

Demographie im Internetzeitalter manchmal lückenhaft


Top